Friday, January 27, 2006

Hoffnung

Friedrich von Schiller - Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel.
Von bessern künftigen Tagen;
Nach einem glücklichen, goldnen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.


Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling locket ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf
Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirn des Toren;
Im Herzen kündigt es laut sich an:
Zu was Besserem sind wir geboren;
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Enttäuschung = Ende der Täuschung!

Vielleicht liegt mitten in unserer Enttäuschung
unser Glück und unser Weg.
Vielleicht ist gerade diese
Enttäuschungein unfassbarer Segen,
den wir erst später begreifen.
Ein Stein fällt uns ins Herz,
und eine Stimme in uns sagt,
dass es jetzt Zeit ist aufzugeben,
weil nicht erfüllt werden kann,
was wir uns wünschen.
Aber so ist es nicht,so ist es nicht.
Etwas anderes wartet auf uns.

Du,vielleicht geht es jetzt erst richtig los.
Alles andere war nur eine Vorübung,
und die Enttäuschung war die große Probe.
Wenn wir jetzt weitermachen und nicht aufgeben,
haben wir die Probe bestanden.

Ich danke dir,
das du mich enttäuscht hast,
denn es öffnet mir die Tür in das Neue,
in den weiten offen Raum.

(Ulrich Schaffer)

Glück in kleinen Dosen

Fast Glück
Kann jetzt auf einmal
fast alles wieder
fast alles bedeuten
nicht nur Hartnäckigkeit und Mut
sondern auch fast wieder
noch Hoffnung?

Und kann das wirklich
fast durch Zufall
und wirklich noch oder fast noch
zur rechten Zeit so gekommen sein?

Und wenn das so sein kann
muss dann nicht auch die Angst
die zum Glück jetzt vor Glück
fast unsichtbar ist
wieder kommen
und muss sie nicht sogar
fast noch größer werden?

Die Angst dass es wieder verloren gehen könnte
und dass es dann fast nicht zu ertragen wäre.

Erich Fried

Güte

Der Wald ist ein besonderes Wesen,
von unbeschränkter Güte und Zuneigung,
das keine Forderungen stellt
und großzügig die Erzeugnisse
seines Lebenswerks weitergibt;
allen Geschöpfen bietet er Schutz
und spendet Schatten
selbst dem Holzfäller, der ihn zerstört.

*Siddharta Gaudama Buddha*

Den anderen lieben wie sich selbst!

Wer sich selbst hasst,
den haben wir zu fürchten.
Denn wir werden die Opfer
seines Grolls und seiner Rache sein.
Sehen wir also zu,
wie wir ihn zur Liebe
zu sich selbst verführen.

-Friedrich Nietzsche-

Leben

Leben
wie ein Baum
einzeln und frei
und brüderlich
wie ein Wald
das ist unsere Sehnsucht!

Nazim Hikmet

Thursday, January 26, 2006

Wiedersehen nach drei Jahren

Das Wiedersehen

Die Trennung hat mal wehgetan.
Man hat gedacht, das hört nie auf.
Man wäre gern daran gestorben,
doch man ging nicht mal dabei drauf.

Jetzt steht man sich stumm gegenüber.
Drei Jahre sind wie nicht mehr da.
Die Zeit wuchs keinen Schwamm darüber,
und man sagt irgendein Blabla.

Man hört dasselbe Lachen wieder,
und in der Brust wiegt was drei Pfund,
und für den Streit vor hundert Jahren
weiß man auf einmal keinen Grund.

Dann im Café Minuten später
ist man sich nah wie nie gekannt.
Man streichelt den verstreuten Zucker
und träumt von einem blauen Strand.

Dann geht man Hand in Hand nach Hause
- wie leicht man das auf einmal kann
- und knipst alte Erinnerungen
wie Nachttischlampen an.

Das Herz wiegt wieder, was es darf.
Die Dunkelheit hat nichts verlernt.
Man spürt, man war in all den Jahren
nicht einen Augenblick entfernt.

Am Morgen trennt man sich.
Auf jeden warten andre Pflichten.
Und keiner kann sein altes Ich
an diesem Morgen neu belichten.

Man kennt sich wieder,
alle Fäden, an denen man schon damals hing.
Und trotzdem spürt man,
daß soeben ein alter Traum verlorenging.

[Miriam Frances]

Fern...und doch so nah...und doch so fern

Lulu (Nachklang)

Ich suche noch immer

Dabei bist du hier
irgendwo
Ich schwebe
über dem Nord-Territorium
und du bist so weit weg
irgendwo
9 Stunden von hier entfernt
auf der anderen Seite der Welt
Dabei bist du hier
irgendwo
Ich kann dich spüren
sehen
und doch bist du so weit weg
irgendwo
Es ist so als könnte ich dich hören
wie du sagst
"Ich finde meine Liebe nicht"
und doch
bist du mir so nah
irgendwie
Was ist nur passiert
mit uns ?


aus dem Buch
Unsagbares
von Canna Fairuza Angilotti

Wednesday, January 25, 2006

Der Weg

Eine Persönlichkeit,

ein einmaliger, eigener Mensch zu werden ist nicht jedem bestimmt. Der Weg dahin birgt Gefahren und bringt Schmerzen.
Er bereitet aber auch Glück und Trost.
Du denkst an manchen Tagen, es sei alles vergeblich und töricht gewesen, was du angestrebt und woran du geglaubt hast. An anderen Tagen empfindest du dein Leben, so schwierig es ist, als vollkommen gerechtfertigt, ja sogar geglückt und du bist sehr zufrieden - für Stunden - .

Und immer, wenn du deinen Glauben wieder einmal auf eine gute Formel gebracht zu haben glaubst und ausgesprochen hast, wird er dir bald zweifelhaft und töricht und du suchst nach neuen Bewährungen und nach neuen Formen. Bald ist das Qual und Not, bald höchstes Glück

Ängstige dich darüber nicht zu sehr, flieh weder ins Kindliche zurück, noch flüchte vorwärts ins Ungewisse. Beides nutzt dir nichts. Lebe heute. Sag ja zu deiner Stärke, wenn du sie in dir gefunden hast. Dann geht es schon weiter.

Ein Text von Hermann Hesse 1988 von mir frei bearbeitet

Erkennen

Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.

Max Frisch aus seinen Tagebüchern

Annäherung

Scheu geworden
Seit wir so viel
voneinander wissen
und noch immer nicht genug.

Seit wir so viel
voneinander verbergen
und noch immer nicht genug.

Mutig manchmal die Gedanken,
ob wir mit anderen
besser, glücklicher, heiterer,
klüger,runder, magerer
zufriedener geworden
und wissend, daß nicht.

Hildegard Knef

Aus: Ihr Brief zu seiner Hochzeit

von Botho Strauss

"Es gibt kein Vergehen gegen die erfüllte Liebe,
außer sie ein zweites Mal zu suchen!"

Tuesday, January 24, 2006

Blick zurück

„Ich weiß nicht genau, wo ich beginnen soll. Da ist all die vergangene Zeit, die die Worte nicht hervorholen werden, da sind die Gesichter, das Lächeln, die Wunden. Dennoch muss ich versuchen auszusprechen, was seit über zwanzig Jahren mein Herz nicht zur Ruhe kommen lässt.“

Der Eingangssatz zu

Philippe Claudels Die grauen Seelen

Verletzungen

Verletzungen

Mühsam hab ich die Fäden vernäht.
Rühr mich nicht an -
ich könnte sonst wieder aufplatzen
an der Nahtstelle
zwischen Du und Ich

Brigitte Heidebrecht

Sunday, January 22, 2006

Gib nicht auf!

Gleiche nicht jenem,
der am Kamin sitzt und wartet,
bis das Feuer ausgeht,
und dann umsonst in die erkaltete Asche bläst.

Gib die Hoffnung nicht auf,
und verzweifle nicht
wegen vergangener Dinge!
Unwiederbringliches zu beweinen,
gehört zu den ärgsten Schwächen des Menschen.

K.Gibran

Lügengewebe

Steigerung – negativ

Halbherzigkeit
ist schlimm zu ertragen.
Lügen
sind schlimm zu ertragen.
Halbherzige Lügen allerdings
gehen unter die Gürtellinie
und sind schlichtweg unerträglich.

Kristiane Allert-Wybranietz] Aus: ‚Lach dem Leben ins Gesicht’ Gedichte, die zum Nachdenken und Träumen anregen, Mut machen, Hoffnung geben

Eigensorge

Geh sorgsam mit dir um,
dich kann´s nur einmal geben
und auch nur kurz -
man darf dich nicht verbrauchen
wie einen Rohstoff.
Du bist kein Produkt.
Entzieh dich der Statistik,
du bist wichtig.
Bewahre dich,
weiche der Härte aus,
verweigere dich den Überflüssigkeiten.
Gib deine Antwort selbst,
stell selber deine Fragen,
gib acht auf dich,
dich gibt´s nur einmal. von

Heinz Kahlau

Saturday, January 21, 2006

Erinnerung

"Zuerst wollte ich unsere Geschichte schreiben, um sie loszuwerden. Aber zu diesem Zweck haben sich die Erinnerungen nicht eingestellt. Dann merkte ich, wie unsere Geschichte mir entglitt, und wollte sie durchs Schreiben zurückholen, aber auch das hat die Erinnerung nicht hervorgelockt. Seit einigen Jahren nun lasse ich unsere Geschichte in Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit ihr gemacht. Und sie ist zurückgekommen. Detail um Detail und in einer Weise rund, geschlossen und gerichtet, daß sie mich nicht mehr traurig macht. Was für eine traurige Geschichte dachte ich lange. Nicht, daß ich jetzt dächte, sie sei glücklich. Aber ich denke, daß sie stimmt und daß daneben die Frage, ob sie traurig oder glücklich ist, keinerlei Bedeutung hat.Jedenfalls denke ich das, wenn ich einfach an sie denke. Wenn ich jedoch verletzt werde, kommen wieder die damals erfahrenen Verletzungen hoch, wenn ich mich schuldig fühle, die damaligen Schuldgefühle, und in heutiger Sehnsucht, heutigem Heimweh spüre ich Sehnsucht und Heimweh von damals. Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, daß uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig. Ich verstehe das. Trotzdem finde ich es manchmal schwer erträglich. Vielleicht habe ich unsere Geschichte doch geschrieben, weil ich sie loswerden will, auch wenn ich es nicht kann."

Bernhard Schlink
Der Vorleser

Gehalten

"...und doch ist es die Brust einer anderen Person, die uns den Rücken deckt, wir fühlen uns nur wirklich geschützt, wenn jemand hinter uns steht, jemand den wir vielleicht nicht sehen und der uns den Rücken deckt mit seiner Brust, die uns fast berührt und uns am Ende immer berührt; und wenn wir mitten in der Nacht aufwachen, aus einem Albtraum aufschreckend, oder nicht in den Schlaf finden können, da wir Fieber haben oder uns im Dunkeln allein oder verlassen glauben, dann brauchen wir uns nur umzudrehen und das Gesicht dessen vor uns zu sehen, der uns beschützt, der sich überall dort küssen lassen wird, wo das Gesicht küssbar ist- Augen, Nase, Mund; Stirn und Wangen, es ist das ganze Gesicht -, oder vielleicht im Halbschlaf uns eine Hand auf die Schulter legen wird, um uns zu besänftigen, oder um uns zu halten oder womöglich um sich festzuhalten...."

Javier Marias
Mein Herz so weiß

Sehend!

Nur eines möcht ich nicht: daß du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst.

Und wenn du blind wärst, möcht ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein ,,Laß mich, denn ich bin verwundet!
"So gilt kein ,,Irgendwo" und nur ein "Hier"
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie's immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Bertold Brecht

Was vorüber ist

Was vorüber ist
Ist nicht vorüber
Es wächst weiter in Deinen Zellen
Ein Baum aus Tränen
Oder
Vergangenem Glück.

Rose Ausländer

Wunder

wenn sich wieder bewegt, was erstarrt war;
wenn wieder gesagt wird, was verschwiegen wurde;
wenn wieder gesehen wird, was verachtet wurde;
wenn wieder gehört wird, was übergangen wurde;
wenn wieder gefühlt wird, wo Kälte war;
wenn wieder lebendig wird, was totgeglaubt war,
dann ist das Wunder neu geschehen.

(Unbekannt) (danke Gaby)

Zitate und Lieblingssätze (Brigitte Community)

savita

Registriert am: 14/01/2003
Foren-Beiträge: 6915
Re: Lieblingssätze oder bedeutsame Zitate aus Büchern 12/08/2005 17:53


Zitat Es scheint lächerlich, erst dann von Glück zu sprechen, wenn dieses Glück nicht mehr da ist, es erscheint lächerlich, seine Realität erst im Nachhinein zu akzeptieren. (...) Warum ist einem so etwas nicht klar? Warum weiß man es nicht richtig zu schätzen? Man denkt ständig, der nächste Tag würde besser werden, notgedrungen, man wartet auf etwas anderes, verlangt mehr, findet die Gegenwart kläglich, verglichen mit dem, was noch kommen könnte. Man wartet andauernd. Wartet darauf, in ein neues Haus zu ziehen, ein größeres Haus mit einem Garten, wartet auf die Ferien, wartet auf ein zweites Kind, wartet darauf, ein Buch zu veröffentlichen, darauf, erfolgreich zu sein, man wartet darauf, endlich mehr Geld zu haben, um weniger arbeiten zu müssen, man wartet darauf, frei zu sein. Man hat seine Augen auf die Zukunft geheftet, sieht nicht über die Linie des Horizonts hinaus. Man hofft, endlich ruhiger zu werden, gelassener zu sein, man hofft auf morgen. Doch vor lauter Warten tritt man den jeweiligen Alltag mit Füßen, erlebt ihn als Provisorium, richtet sich nicht häuslich darin ein, nimmt ihn nicht wirklich in Besitz. Man bewegt sich zwischen zwei Stühlen, (...) steht noch an der Startlinie und blickt schon zurück. Man will nicht wahrhaben, dass man glücklich ist. Man ist abergläubisch. Also stelltm an sich blind, ist geistesabwesend, nörgelt und kritisiert für alle Fälle, beklagt sich, ist selbstgefällig, sieht nur das, was nicht hundertprozentig perfekt ist, macht aus einer Mücke einen Elefanten, verdirbt sich den Spaß am Leben, ärgert sich über nichts. Wegen eines Strafzettels macht man ein Riesentheater, ein geplatzter Reifen wird zu einem Drama, und wenn einem der Braten anbrennt, versinkt man in eine mittlere Depression. Oder die steigenden Benzinpreise, einfach unfassbar. Oder der Krieg in Afrika, Bosnien, Tschetschenien. Man hat keinen inneren Halt, keine Chance. Zumindest glaubt man es. Doch im tiefsten Inneren, in irgendeinem versteckten Winkel seines Herzens, fühlt man sich wohlig und satt. Heute, wo mir nichts mehr bleibt, weiß ich das, und ich kann endlich sagen, wie schön es war.

(Brigitte Giraud: Das Leben entzwei)

Zitate und Lieblingssätze (Bri Com)


savita


Re: Lieblingssätze oder bedeutsame Zitate aus Büchern 10/10/2005 10:46


Zitat "Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich".

Orhan Pamuk: Eingangssatz zu: Das neue Leben

Winterlied

Als ich heute von dir ging
fiel der erste Schnee
und es machte sich mein Kopf
ein Reim auf Weh.

Denn es war die Kälte nicht
die die Tränen mir
in die Augen trieb es war
vielmehr Ungereimtes.

Ach da warst du schon zu weit
als ich nach dir rief
und dich fragte wer die Nacht
in deinen Reimen schlief.

(Ulla Hahn)


Dez. 2004

Erinnerung

Je schöner und voller die Erinnerung
Desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit
Verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne
nicht wie einen Stachel,
sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Dietrich Bonhoeffer

Friday, January 20, 2006

Im Atemhaus

Im Atemhaus

Unsichtbare Brücken spannen
von dir zu Menschen und Dingen
von der Luft zu deinem Atem
Mit Blumen sprechen
die du liebst
Im Atemhaus wohnen
eine Menschblumenzeit

Rose Ausländer

Sehnsucht

Sehnsucht

Sterne und Blumen
Blicke
Atem
Töne!
Durch die Räume ziehen
ein Ton der Liebe.
Sehnsucht!
Mit verwandten Tönen
sich vermählen,
glühen,
nie verhallen
und die Blumen
und die Sterne lieben.
Gegenliebe!

Sehnsucht!

Chamisso, Adalbert von
(1781-1838)

Wednesday, January 18, 2006

Vielleicht

Vielleicht....

Vielleicht wollte Gott, daß wir die falschen Menschen
vor den richtigen kennenlernen, so daß wir erkennen,
wie dankbar wir für dieses Geschenk sein sollten,
wenn wir dann zum Schluß die richtige Person treffen,

Vielleicht öffnet sich eine andere, wenn sich die Tür des Glücks schließt, aber zu lange schauen wir auf die geschlossene Tür und sehen ,
nicht diejenige, die sich für uns geöffnet hat.

Vielleicht ist der beste Freund derjenige, mit dem du auf der Veranda sitzend hin und her schaukelst, mit dem du schweigst
und dann weggehst mit dem Gefühl, es war das beste Gespräch,
das du jemals hattest.

Vielleicht ist es wahr, daß wir nicht wissen, was wir besitzen,
bevor wir es verlieren.
Aber es ist auch wahr, daß wir nicht wissen,
was wir vermissen, bevor wir ihm begegnen.

Es ist niemals sicher, daß derjenige dich zurückliebt,
dem du deine ganze Liebe gibst. Erwarte keine Liebe zurück.
Warte einfach, daß sie wächst in seinem Herzen.
Falls nicht, sei damit zufrieden, daß sie in deinem Herzen wuchs.

Es braucht höchstens eine Minute, um sich in jemanden zu verknallen, eine Stunde, um jemanden zu mögen, einen Tag, um jemanden zu lieben, aber es dauert ein Leben lang, jemanden zu vergessen.

Achte nicht auf das Aussehen, das kann trügen.
Achte nicht auf den Wohlstand, der kann dahinschwinden.
Achte auf denjenigen, der dich zum Lächeln bringt,
denn durch ein einziges Lächeln kann ein düsterer Tag strahlen.
Finde denjenigen, der dein Herz zum Lächeln bringt.

Es gibt Momente im Leben, da vermißt du jemanden so stark,
daß du ihn aus deinen Träumen holen willst
und ihn in Wirklichkeit in den Armen halten willst.
Träume, was du träumen willst; geh hin, wo du hingehen willst;
sei, was du sein willst, denn du hast nur dieses eine Leben
und nur eine Gelegenheit, all die Dinge zu tun, die du tun willst.

Mögest du genug Glück im Leben haben, um richtig nett zu sein,
genug Versuchungen zu durchstehen haben, damit du stark wirst, genügend Sorgen, damit du menschlich bleibst,
genügend Hoffnung, um glücklich zu sein.

Versetze dich immer in den anderen.
Wenn du merkst, dich verletzt etwas,
verletzt es den anderen sicherlich auch.

Diejenigen, die am glücklichsten sind, sind nicht notwendigerweise diejenigen, die alles besitzen;
sie machen nur das beste aus dem, was ihnen begegnet.
Für diejenigen, die weinen, die verletzt sind,
die immer auf der Suche waren, lügt das Glück,
denn nur sie können ermessen, wie wichtig Menschen sind,
die ihr Leben berührt haben.

Liebe beginnt mit einem Lächeln, wächst mit einem Kuß
und endet mit einer Träne.
Die strahlendste Zukunft gründet sich immer auf einer vergessenen Vergangenheit.
Es wird dir im Leben nicht gut gehen,
solange du noch deinen vergangenen Fehlschlägen und deinem Kummer nachhängst.

[Autor unbekannt]

Reifezeugnis

.... mit der Zeit lernst du,
daß eine Hand halten nicht dasselbe ist
wie eine Seele fesseln,
und daß Liebe nicht anlehnen bedeutet
und Begleitung nicht Sicherheit.
Du lernst allmählich,
daß Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen.
Und du beginnst,
deine Niederlagen erhobenen Hauptes
und offenen Auges hinzunehmen
mit der Würde des Erwachsenen,
nicht maulend wie ein Kind.
Und du lernst, all deine Straßen
auf dem Heute zu bauen,
weil das Morgen ein zu unsicherer Boden ist.

Mit der Zeit erkennst du,
daß sogar Sonnenschein die Haut verbrennt,
wenn man zuviel davon abbekommt.
Also bestell deinen Garten
und schmücke selbst dir deine Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten, daß andere dir Kränze flechten.
Und bedenke, daß du wirklich standhalten kannst ...
und wirklich stark bist.
Und daß du einen eigenen Wert hast.

[Kelly Priest]

Monday, January 16, 2006

Winterliche Impressionen

Winterliche Stanzen

Nun sollen wir versagte Tage lange
ertragen in des Widerstandes Rinde;
uns immer wehrend, nimmer an der Wange
das Tiefe fühlend aufgetaner Winde.
Die Nacht ist stark, doch von so fernem Gange,
die schwache Lampe überredet linde.
Laß dichs getrösten: Frost und Harsch bereiten
die Spannung künftiger Empfänglichkeiten.

Hast du denn ganz die Rosen ausempfunden
vergangnen Sommers? Fühle, überlege:
das Ausgeruhte reiner Morgenstunden,
den leichten Gang in spinnverwebte Wege?
Stürz in dich nieder, rüttele, errege
die liebe Lust: sie ist in dich verschwunden.
Und wenn du eins gewahrst, das dir entgangen,
sei froh, es ganz von vorne anzufangen.


Vielleicht ein Glanz von Tauben, welche kreisten,
ein Vogelanklang, halb wie ein Verdacht,
ein Blumenblick (man übersieht die meisten),
ein duftendes Vermuten vor der Nacht.
Natur ist göttlich voll; wer kann sie leisten,
wenn ihn ein Gott nicht so natürlich macht.
Denn wer sie innen, wie sie drängt, empfände,
verhielte sich, erfüllt, in seine Hände.


Verhielte sich wie im Übermaß und Menge
und hoffte nicht noch Neues zu empfangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
und meinte nicht, es sei ihm was entgangen,
verhielte sich wie Übermaß und Menge
mit maßlos übertroffenem Verlangen
und staunte nur noch, dass er dies ertrüge:
die schwankende, gewaltige Genüge.

Rainer Maria Rilke(1875-1926)

Zwei in einem Boot

Rudern zwei ein Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andere kundig der Stürme,
wird der eine führn durch die Sterne,
wird der andre führn durch die Stürme,
und am Ende, ganz am Ende,
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.

Reiner Kunze

Mutmacher

Manchmal spricht ein Baum durch das Fenster mir Mut zu.
Manchmal leuchtet ein Buch als Stern auf meinem Himmel.
Manchmal ein Mensch, den ich nicht kenne, der meine Worte erkennt.

Von Rose Ausländer

Winterlandschaft

Die Flocken flogen wie verirrte Vögel
um unser traumverlornes, leises Gehn.
Der Himmel wölbte als ein weißer Kegel
sich über die verlassenen Alleen.
Die Bäume waren schlanke, weiße Kerzen.
Die Erde war ein atlasweißes Feld.
Der Schnee fiel flammend über unsre Herzen,
bis sie verschmolzen mit dem Weiß der Welt,
bis alles sich zu einem Kranz des Reinen
verflocht, und keine Lücke blieb im Ring,
und über uns der sanfte Rausch des Einen
wie eine Melodie der Gnade hing.

Rose Ausländer

Saturday, January 14, 2006

Vergebung

Einem Menschen vergeben heißt nicht, daß was er getan hat,
für ungeschehen erachten,
nicht wahrhaben zu wollen oder schlicht zu vergessen.

Vergeben kann unter Umständen bedeuten,
gerade nicht zu vergessen.

Vergeben heißt: die Vergangenheit eines anderen keinen Einwand dagegen sein zu lassen, daß ich ihn annehme.

Vergebung bedeutet nicht das ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld.


Otto Herrmann Pesch. Aus dem Buch:
Claudia Hartmann „Rituale zu zweit. Was Liebende zusammenhält.

Einladung ans Leben

Die Einladung

Es interessiert mich nicht, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst.
Ich will wissen, wonach du dich sehnst und ob du es wagst, davon zu träumen, das Sehnen deines Herzens zu erfüllen.

Es interessiert mich nicht, wie alt du bist.
Ich will wissen, ob du es riskieren willst, wie ein Verrückter nach Liebe zu suchen, nach deinen Träumen, nach dem Abenteuer, lebendig zu sein.

Es interessiert mich nicht, welche Sterne deinen Mond kreuzen.
Ich will wissen, ob du das Zentrum deines eigenen Kummers berührt hast, ob du geöffnet wurdest durch die Treuebrüche oder verwelkt und verschlossen aus Angst vor weiterem Schmerz.

Ich will wissen, ob du in Schmerz sitzen kannst, deinem oder meinem, ohne dich zu bewegen, um ihn zu verbergen, zu schmälern oder zu fixieren. Ich will wissen, ob du in Freude sein kannst, deiner oder meiner; ob du ausgelassen tanzen und die Ekstase dich füllen lassen kannst bis zu deinen Finger- und Zehenspitzen, ohne dich in Vorsicht zurückzunehmen, realistisch zu sein oder die Schranken des Menschseins zu erinnern.

Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die du erzählst, wahr ist.
Ich will wissen, ob du einen anderen enttäuschen kannst, um dir selber treu zu bleiben, ob du die Anklage eines Treuebruchs aushalten kannst, ohne deine eigene Seele zu betrügen.

Ich will wissen, ob du vertrauen und deshalb auch vertrauenswürdig sein kannst. Ich will wissen, ob du Schönheit sehen kannst, selbst wenn es nicht jeden Tag schön ist, und ob du die Quelle deines Lebens in Gottes Gegenwart finden kannst.
Ich will wissen, ob du mit Versagen leben kannst, deinem oder meinem und immer noch am Ufer des Sees stehen und dem silbernen Vollmond zurufen kannst: „Ja!“

Es interessiert mich nicht zu wissen, wo du lebst oder wie viel Geld du hast.
Ich will wissen, ob du, matt und zerschlagen nach einer Nacht in Kummer und Verzweiflung, aufstehen kannst und tun, was für die Kinder nötig ist.

Es interessiert mich nicht, wer du bist, wie du herkamst.
Ich will wissen, ob du mit mir im Zentrum des Feuers stehen kannst ohne zurückzuschrecken.

Es interessiert mich nicht, wo und was und mit wem du studiert hast.
Ich will wissen, was dich von innen stützt, wenn alles andere wegfällt.
Ich will wissen, ob du mit dir selber allein sein kannst und ob du wahrhaftig die Gesellschaft deiner leeren Augenblicke liebst.

Indianische Gedanken
Oriah Mountain Dreamer

Menschsein

Dieser Auszug aus einem Brief der Rosa Luxemburg vom 28.12.1916 an Mathilde Wurm spricht mir derzeit besonders aus dem Herzen:

".....dann sieh, daß du Mensch bleibst: Mensch sein, ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz allem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein, heißt sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinwerfen, wenn´s sein muß, sich aber zugleich an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen,....Ach ich weiß keine Rezepte schreiben, wie man Mensch sein soll, ich weiß nur, wie man´s ist...."

Wechsel

Ich lebe grad
Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht.
Man fühlt den Wind von einem großen Blatt,
das Gott und du und ich beschrieben hat
und das sich hoch in fremden Händen dreht.
Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite,
auf der noch Alles werden kann.
Die stillen Kräfte prüfen ihre Breite
und sehn einander dunkel an.

Rainer Maria Rilke,
22.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Leeres Nest

Große Kinder

Die groß gewordenen Kinder lösen sich
so leicht von uns, wie an Oktobertagen
die Äpfel, ohne dass ein Windhauch strich,
vom Zweige auf den warmen Rasen schlagen.
Die liebe Blüte schützten wir so gern
und sahen sel’gen Blicks zur Frucht sie reifen,
Nun regt sich drinnen schon der braune Kern
und möchte unsre Sorge von sich streifen,
sehnt sich nach Erde, sehnt zur Sonne sich.
Wir stehn einsam da, - und feierlich
hörn wir den Herbstwind durch die Blätter gehen.

(Borries v. Münchhausen)

Friday, January 13, 2006

40 Jahre Frauenfreundschaft

Freunde sind mir die,
mit denen ich essen und trinken und reden kann.
Die mich in meiner Küche kennen, und denen ich sage
Komm, setz Dich ran.
Mit denen gemeinsam ich in den Jahren meine und ihre Lasten abtrug
Krankheit der Kinder und Weltüberdruss.
Mit denen ich die Nächte zerrede.
Und doch kommt es niemals zu einem Schluss.
Das kann auch über Fernen bestehen.
Auch wenn man sich lange Zeit nicht sieht:
Halten wir nur aneinander fest,
was immer sonst auch mit uns geschieht.
Freundschaften sind wie Abenteuer,
an die man sich sein ganzes Leben setzt.
Versagt man oder wird man verraten,
hat man sich mehr als die Haut verletzt.


Eva Strittmatter

Aus: Mondschnee liegt auf den Wiesen. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1975.

Für G.



Thursday, January 12, 2006

Wohin führt der Weg?

Niemand kann dir die Brücke bauen,
auf der du gerade über den Fluß des Lebens schreiten mußt,
Niemand außer dir allein.
Zwar gibt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluß tragen wollen, aber nur um den Preis deiner selbst:

du würdest dich verpfänden und verlieren.
Es gibt in der Welt einen einzigen Weg,

auf welchem niemand gehen kann außer dir:

Wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.

(Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen)

Möwenflug

Wie neubegierig die Möwe
Nach uns herüberblickt,
Weil ich an deine Lippen
So fest mein Ohr gedrückt!

Sie möchte gerne wissen,
Was deinem Mund entquillt,
Ob du mein Ohr mit Küssen
Oder mit Worten gefüllt?

Wenn ich nur selber wüßte,
Was mir in die Seele zischt!
Die Worte und die Küsse
Sind wunderbar vermischt.

Heinrich Heine
(1797-1856)
Lyrikmail des Tages 13.01.06

An sich

Sei dennoch unverzagt!
Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht,
steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir,
und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück,
Ort und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt,
halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an,
lass alles unbereut.
Tu, was getan sein muss,
und eh man dirs gebeut.

Was du noch hoffen kannst
das wird noch stets geboren.
Was klagt, was lobt man doch?
Sein Unglück und sein Glücke
Ist sich ein jeder selbst.
Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir.
Lass deinen eitlen Wahn,
Und eh du fürder gehst,
so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist,
und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt
und alles untertan.

Paul Fleming

Versöhnung

Viel des Versöhnenden geschieht auch jetzt
Verborgen zwar, so daß wir´s kaum gewahren
Und wenig achten in der allgemeinen
Verfinsternis. Und wie Blitz und Donner
Das Säuseln untergeht, die leise Stimme
Des Windes im Gezweig, der Atem Gottes
Und ist doch immer da, ein dringlich Flüstern

So will auch Liebe nicht verabsäumt werden
Und lebt und hebt sich immer wieder zitternd
Wie eine helle Blume, die von den Wolken
Des Hasses überschattet unablässig
Den Kelch zum Lichte endet, daß sie fände
Den süßen Strahl und blühte in der Stille.

Denn Stille ist noch in der Welt und Schweigen
Im Niemandsland am fremden Flußgestade
Und sanfter nach den Schlachten Ungewitter
Und glühender umkreisen die Gedanken
Das liebe Angesicht, daß sich neige

Und, lang verloren, wunderbar erglühe.

Und so, von dunklen Mächten abgezwungen
Genährt vom Strome der Erinnerungen
Die Blume blühe.

Marie Luise Kaschnitz

Federflug

Eine Feder, die durch die geöffnete
Balkontür bald herein, bald
hinaus weht, als wüßte sie
nicht, was sie einlösen soll, ein
Versprechen oder einen Fluch oder
eine Illusion oder ein Versäumnis oder

einen Schwur, was kann trauriger und
zugleich stolzer sein, als eine
einsame Feder,
ganz gleich wofür sie sich

entscheidet, und ob sie von einem Flügel
aufgegeben wurde oder sich eigenwillig
von einem Flügel löste?

Franz Hodjak

Zivilcourage

Nichts macht uns feiger und gewissenloser als der Versuch, von allen Menschen geliebt zu werden.

Marie von Ebner-Eschenbach

Wednesday, January 11, 2006

Umkehr

Schuld

„Die große Schuld des Menschen“,
sagt ein jüdischer Rabbi,„
die große Schuld des Menschen
sind nicht die Sünden, die er begeht.
Nein, die große Schuld des Menschen ist,
dass er jederzeit bereuen und immer umkehren kann,
aber es dann doch nicht tut.“

aus dem Chassidismus

Kindheitserinnerungen

Hanns Dieter Hüsch verstarb am Nikolaustag
vor Jahren textete der Kabarettist:

Im Winter möchte ich immer
mit meiner Mutter in einem wunderschönen Schlitten
mit vier Pferden davor über das verschneite niederrheinische Land fahren,
ganz fest und warm eingepackt
in dicken überlangen Mänteln mit einer Kapuze
und meine Mutter hat einen wunderbaren Muff mit Pelzbesatz
und sieht wieder aus wie eine Zarentochter,
und ich sitze ganz still neben ihr und gucke
ob am Himmel Sterne sind
und ob man noch erkennen kann
dass am Himmel Plätzchen gebacken werden.
Denn immer wenn der Himmel sich leicht rosa färbt
werden dort Plätzchen gebacken
hat meine Mutter immer gesagt,
die schon lange tot ist
und mich sicher nicht wieder erkennen würde.
Und darum möchte ich immer so gerne
um diese Zeit mit meiner Mutter querfeldein in einem großartigen Schlitten
den Niederrhein entlangfahren,
auf den Heiligen Abend zu,
auf die Verwandten zu,
die Toten und die Lebenden,
denn um diese Zeit mischt sich bei mir alles,
ich habe Sehnsucht
nach meiner Kindheit und Marzipan und Apfelsinen.

Das kleine Weihnachtsbuch, tvd 1997, S. 31

Vergänglichkeit

Heute sah ich wieder dich am Strand,
Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb.
Mit dem Finger grubst du in den Sand
Zeichen ein, von denen keines blieb.

Ganz versunken warst du in dein Spiel
Mit der ewigen Vergänglichkeit.
Welle kam und Stern und Kreis zerfiel,
Welle ging und du warst neu bereit.

Lachend hast du dich zu mir gewandt,
Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr:
Denn die schönste Welle zog zum Strand,
Und löschte deiner Füße Spur.

[Marie Luise Kaschnitz]

Sorgen


Dass die Vögel der Sorge und des Kummers

um deinen Kopf herumflattern,
das kannst du nicht ändern.
Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen,
das kannst du verhindern.

Martin Luther

Nicht müde werden

Du bist stark
sagen sie
Du hast viel Kraft
sagen sie
auf der Suche
nach meiner Stärke und Kraft
begegnete ich
meiner Angst und Verwirrung
meinem Neid und Hass
meiner Armut und Verzweiflung
meinen Tränen und Wunden
vergeblich suchte ich nach
meiner Stärke und Kraft
da setzte ich mich zu
meiner Angst und Verwirrung
meinem Neid und Hass
meiner Armut und Verzweiflung
meinen Wunden und Tränen
und versuchte sie
anzusehen und
hineinzuspüren und
auszuhalten und
zu verstehen
und manchmal zeigte ich
ein wenig von
meiner Angst oder Verwirrung
meinem Neid oder Hass
ich sprach von meiner Armut oder Verzweiflung
meinen Wunden oder Tränen
du bist stark
wiederholten sie
du hast viel Kraft
wiederholten sie
und ganz langsam
fing ich an zu begreifen

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Von Hilde Domin