Friday, December 22, 2006

AllesAllesAlles

Alles!
Weite im Kopf
Im Herzen Welten
Die Füße auf der Erde
Will ich in die Wolken
Mein Unglück
unbeständig wie das Glück
Werfen möchte ich mich in diesen Wandel
Tanzen und reiten im Augenblick
Könnten doch Alle, Alleallealle
Glücklich sein!
In allen Welten, zu allen Zeiten
Jahrtausend Universen lang
Könnten doch Alle
wie Nomaden wandern,
wandernwandern
immer weiterziehen
Vogel werden
Himmel sein
Schwimmend ein Meer
frei und offen für Jeden
Aber immer gehen wir schlafen
mit Gedanken an kommende Jahre
glauben Alles, Allesallesalles sei für immer so!
Was würde mir fehlen ohne mein Leben?
Das Leben!
Alles!
Allesallesalles!
Könnten doch Alle,
sich wie Blütensamen
dem Wind anvertrauen
frei von morgen und gestern
wie Blitze in der Dunkelheit
Den Himmel in der Tasche


Antonia Keinz 2002

Thursday, December 21, 2006

Weihnachten

Weihnachtswunsch

Wieder ist das Jahr soweit,
wieder drängt in uns die Zeit
zu glitzernder Rührseligkeit.
Weihnachten will’s wieder werden...
*

und wieder Friede hier auf Erden
den unzähligen Menschenherden?

*
Wie oft noch wollen wir dies glauben,
wie oft noch ihn uns tödlich rauben
mit Bombenlärm, Raketenfeuer?!I
st Frieden denn, statt Krieg, zu teuer?!
Entsetzlich - schrecklich - ungeheuer!

*
Ach, wenn doch du, ich, sie und er,
wenn jeder doch nur etwas mehr
vom Weihnachtslicht berühret wär’
im Denken, Fühlen, Reden, Handeln...
wie würde das die Welt verwandeln
in Friede, Freude, Liebesglück...
und führte uns ein kleines Stück
schon heut’ ins Paradies zurück!

*
So sei von Herzen Dir beschieden
ein Menschsein voller Weihnachtsfrieden!

[Gerwin Degmair]

Wednesday, December 13, 2006

Liebende

Seit Jahren
altern beide unter einem Dach.
Morgens bewässern sie das Feld,
pflücken Blumen.
Abends
ihre Hand in seiner Hand,
den Mond betrachtend,
werden sie nie müde.

Fuad Rifka Aus:
Das Tal der Rituale. Ausgewählte Gedichte

Was du brauchst

du brauchst eine küste,
die wellen
die anschlagen,
du brauchst ein feld
eine fläche, die vom wind
gezeichnet,
du brauchst zwei, drei wege,
die du gehen kannst,
zwei
richtungen,
ein haus, das ist alles


Björn Kuhligk
_

Liebste

28.Oktober 1945

Der heranwachsende Duft im
Geranientopf, das Rauschen der Meere,
der Herbst ist da mit seinen schweren Wolken
und seiner reifen Erde...
Liebste, wir sind nicht mehr die Jüngsten.
Mir ist,
als hätten wir schon die Abenteuer
eines tausendjährigen Lebens erlebt.
Trotzdem sind wir noch
Kinder mit staunenden Augen,
die unter der Sonne Hand in Hand
barfuß laufen...

(Nâzim Hikmet)

Tuesday, December 12, 2006

Nebel

Weg im Nebel

Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan,
Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt
Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan.

Nun wird der Augen-Aufblick langsam leer,
Und aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt
Die Wolke sich, sinkt Nebel erdwärts schwer.

Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht
Das Wesenlose aus den fahlen Gründen
Und hebt sich sehnend ins versäumte Licht.

Nun flieht, was war: es fliehen Busch und Baum,
Flieh'n Berg und Tal, die sich zur Flucht verbünden,
Es fliehst du, Herz. Es floh'n die Zeit, der Raum.

Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum.
Ihn schlürft, sich fröstelnd zu entzünden,
Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum.


Maria Luise Weissmann

Thursday, December 07, 2006

Abendlied


Warum, ach sag, warum
geht nun die Sonne fort?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da geht die Sonne fort.

Warum, ach sag, warum
wird unsere Stadt so still?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
weil sie dann schlafen will.

Warum, ach sag, warum
brennt die Laterne so?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da brennt sie lichterloh!

Warum, ach sag, warum
gehn manche Hand in Hand?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da geht man Hand in Hand.

Warum, ach sag, warum
ist unser Herz so klein?
Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht,
das kommt wohl von der dunklen Nacht,
da sind wir ganz allein.

Wolfgang Borchert

Wednesday, December 06, 2006

Freude

Die Sonne scheint für dich –
deinetwegen;
und wenn sie müde wird,
beginnt der Mond,
und dann werden
die Sterne angezündet.

Es wird Winter,
die ganze Schöpfung
verkleidet sich,
spielt Verstecken,
um dich zu vergnügen.

Es wird Frühling;
Vögel schwärmen herbei,
dich zu erfreuen;
das Grün sprießt,
der Wald wächst schön
und steht da
wie eine Braut,
um dir Freude zu schenken.

Es wird Herbst,
die Vögel ziehen fort,
nicht weil sie sich
rar machen wollen,
nein, nur damit du ihrer
nicht überdrüssig würdest.
Der Wald legt seinen Schmuck ab,
nur um im nächsten Jahr
neu zu erstehen, dich zu erfreuen....

All das sollte nichts sein,
worüber du dich freuen kannst?
Lerne von der Lilie
und lerne vom Vogel,
deinen Lehrern: zu sein heißt:
für heute dasein
– das ist Freude.
Lilie und Vogel sind
unsere Lehrer der Freude.

"Søren Aabye Kierkegaard

Monday, December 04, 2006

Advent

Der Frost haucht zarte Häkelspitzen
Perlmuttergrau ans Scheibenglas.
Da blühn bis an die Fensterritzen
Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.
Kristalle schaukeln von den Bäumen,
Die letzen Vögel sind entflohn.
Leis fällt der Schnee …
In unsern Träumen
Weihnachtet es seit gestern schon.

(Mascha Kaléko)

Engelgebet

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.
Und wandle immer in die Nacht ...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht.

Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.
O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt...

Else Lasker- Schüler