Zitate und Lieblingssätze (Brigitte Community)
savita
Registriert am: 14/01/2003
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Re: Lieblingssätze oder bedeutsame Zitate aus Büchern 12/08/2005 17:53
Zitat Es scheint lächerlich, erst dann von Glück zu sprechen, wenn dieses Glück nicht mehr da ist, es erscheint lächerlich, seine Realität erst im Nachhinein zu akzeptieren. (...) Warum ist einem so etwas nicht klar? Warum weiß man es nicht richtig zu schätzen? Man denkt ständig, der nächste Tag würde besser werden, notgedrungen, man wartet auf etwas anderes, verlangt mehr, findet die Gegenwart kläglich, verglichen mit dem, was noch kommen könnte. Man wartet andauernd. Wartet darauf, in ein neues Haus zu ziehen, ein größeres Haus mit einem Garten, wartet auf die Ferien, wartet auf ein zweites Kind, wartet darauf, ein Buch zu veröffentlichen, darauf, erfolgreich zu sein, man wartet darauf, endlich mehr Geld zu haben, um weniger arbeiten zu müssen, man wartet darauf, frei zu sein. Man hat seine Augen auf die Zukunft geheftet, sieht nicht über die Linie des Horizonts hinaus. Man hofft, endlich ruhiger zu werden, gelassener zu sein, man hofft auf morgen. Doch vor lauter Warten tritt man den jeweiligen Alltag mit Füßen, erlebt ihn als Provisorium, richtet sich nicht häuslich darin ein, nimmt ihn nicht wirklich in Besitz. Man bewegt sich zwischen zwei Stühlen, (...) steht noch an der Startlinie und blickt schon zurück. Man will nicht wahrhaben, dass man glücklich ist. Man ist abergläubisch. Also stelltm an sich blind, ist geistesabwesend, nörgelt und kritisiert für alle Fälle, beklagt sich, ist selbstgefällig, sieht nur das, was nicht hundertprozentig perfekt ist, macht aus einer Mücke einen Elefanten, verdirbt sich den Spaß am Leben, ärgert sich über nichts. Wegen eines Strafzettels macht man ein Riesentheater, ein geplatzter Reifen wird zu einem Drama, und wenn einem der Braten anbrennt, versinkt man in eine mittlere Depression. Oder die steigenden Benzinpreise, einfach unfassbar. Oder der Krieg in Afrika, Bosnien, Tschetschenien. Man hat keinen inneren Halt, keine Chance. Zumindest glaubt man es. Doch im tiefsten Inneren, in irgendeinem versteckten Winkel seines Herzens, fühlt man sich wohlig und satt. Heute, wo mir nichts mehr bleibt, weiß ich das, und ich kann endlich sagen, wie schön es war.
(Brigitte Giraud: Das Leben entzwei)
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Re: Lieblingssätze oder bedeutsame Zitate aus Büchern 12/08/2005 17:53
Zitat Es scheint lächerlich, erst dann von Glück zu sprechen, wenn dieses Glück nicht mehr da ist, es erscheint lächerlich, seine Realität erst im Nachhinein zu akzeptieren. (...) Warum ist einem so etwas nicht klar? Warum weiß man es nicht richtig zu schätzen? Man denkt ständig, der nächste Tag würde besser werden, notgedrungen, man wartet auf etwas anderes, verlangt mehr, findet die Gegenwart kläglich, verglichen mit dem, was noch kommen könnte. Man wartet andauernd. Wartet darauf, in ein neues Haus zu ziehen, ein größeres Haus mit einem Garten, wartet auf die Ferien, wartet auf ein zweites Kind, wartet darauf, ein Buch zu veröffentlichen, darauf, erfolgreich zu sein, man wartet darauf, endlich mehr Geld zu haben, um weniger arbeiten zu müssen, man wartet darauf, frei zu sein. Man hat seine Augen auf die Zukunft geheftet, sieht nicht über die Linie des Horizonts hinaus. Man hofft, endlich ruhiger zu werden, gelassener zu sein, man hofft auf morgen. Doch vor lauter Warten tritt man den jeweiligen Alltag mit Füßen, erlebt ihn als Provisorium, richtet sich nicht häuslich darin ein, nimmt ihn nicht wirklich in Besitz. Man bewegt sich zwischen zwei Stühlen, (...) steht noch an der Startlinie und blickt schon zurück. Man will nicht wahrhaben, dass man glücklich ist. Man ist abergläubisch. Also stelltm an sich blind, ist geistesabwesend, nörgelt und kritisiert für alle Fälle, beklagt sich, ist selbstgefällig, sieht nur das, was nicht hundertprozentig perfekt ist, macht aus einer Mücke einen Elefanten, verdirbt sich den Spaß am Leben, ärgert sich über nichts. Wegen eines Strafzettels macht man ein Riesentheater, ein geplatzter Reifen wird zu einem Drama, und wenn einem der Braten anbrennt, versinkt man in eine mittlere Depression. Oder die steigenden Benzinpreise, einfach unfassbar. Oder der Krieg in Afrika, Bosnien, Tschetschenien. Man hat keinen inneren Halt, keine Chance. Zumindest glaubt man es. Doch im tiefsten Inneren, in irgendeinem versteckten Winkel seines Herzens, fühlt man sich wohlig und satt. Heute, wo mir nichts mehr bleibt, weiß ich das, und ich kann endlich sagen, wie schön es war.
(Brigitte Giraud: Das Leben entzwei)

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