Saturday, November 25, 2006

Abschied

Keiner wird gefragt
wann es ihm recht ist
ABSCHIED zu nehmen
Von Menschen
Von Gewohnheiten
Von sich selbst
Irgendwann
Heißt es
Damit umgehen
Ihn aushalten
Annehmen
Diesen Schmerz des Sterbens
Dieses Zusammenbrechen
Um neu aufzubrechen.

Tuesday, November 21, 2006

Die eine Rose

Die eine Rose überwältigt alles,
Die aufgeblüht ist aus dem Traum.
Sie rettet uns vom Grund des Falles.
Schafft um uns einen reinen Raum,
In dem nur wir sind und die Rose.
Und das Gesetz, das sie erweckt.
Und Tage kommen, reuelose.
Vom Licht der Rose angesteckt.

Eva Strittmatter

Friday, November 17, 2006

Hier

Sonett Nr.19

Nur eines möcht ich nicht: dass du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, bräucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, bräucht ich was du siehst

Und wenn du blind wärst, möcht ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein "Laß mich, denn ich bin verwundet!"
So gilt kein "Irgendwo" und nur ein "Hier"
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.
Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie's immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Bertold Brecht

Glück

Diesmal lasst
mich glücklich sein,
keinem ist etwas geschehen,
und ich bin nirgendwo,
einziges Ereignis ist,
dass ich glücklich bin
beim Gehen,
beim Schlafen,
beim Schreiben
über das ganze Rund
meines Herzens.
Was soll weiter ich tun,
ich bin glücklich,
zahlloser bin ich
als das Gras auf den Weiden,
ich fühle die eigene Haut
wie den runzligen Baum
und unten das Wasser,
hoch oben die Vögel,
um meiner Hüfte
das Meer wie einen Reif,
aus Brot und Stein
die Erde geschaffen,
die Luft singt wie eine Gitarre.

Du mir zu
seiten im Sande
bist Meeressand,
du singst und bist Gesang,
die Welt ist heut meine Seele,
Lied und Sand,
die Welt ist heute dein Mund,
lasst mich an deinem Munde
und im Sande
glücklich sein,
ja, glücklich sein,
weil ich atme und
weil auch du atmest,
glücklich sein,
weil ich dein Knie berühre
und es ist,
als berührte ich die blaue Haut
und Kühle des Himmels.
Heute lasst mich einzig
nur glücklich sein
mit allen oder ohne sie,
glücklich sein
mit dem Gras und dem Sand,
glücklich sein
mit der Luft und der Erde,
glücklich sein mit dir,
mit deinem Munde.

(p. neruda)

Saturday, November 04, 2006

Wintervorrat

"Der friedliche Übergang
des Herbstes zum Winter
ist keine schlechte Zeit.
Es ist eine Zeit, in der man aufbewahrt
und Vorräte sammelt, soviel man kann.
Es ist schön, wenn man alles sammelt,
was man ganz nah bei sich hat,
seine Wärme und seine Gedanken,
und wenn man sich weit
innen einen sicheren Ort gräbt,
wo man das verteidigt, was wichtig ist
und kostbar und was man besitzt.
Dann können Kälte und Stürme
und die Dunkelheit kommen,
soviel sie nur wollen.
Sie tasten über die Wände
und suchen nach einem Eingang,
doch alles ist verschlossen.
Und wer Vorsorge getroffen hat,
sitzt drinnen, lacht in seiner
Wärme und seiner Einsamkeit. "

(aus Tove Jansson, Herbst im Mumintal)

Indianerweisheit

Ich gehe mit meinem Sohn ins Freie
und zeige ihm einen Baum
lasse ihn die Blätter berühren,
das ist ein Blatt, sieh her,
es ist grün, es hat Adern,
so ist es geformt
,greif´s an.
Er berührt das Blatt.
und der Zweig zittert mit,
dicke Händchen greifen
ungestüm und zärtlich
nach dem, was ich ihm zeige.
Ich lasse ihn barfuß
auf dem Boden stehn,
diese Erde spüren,
braune Erde und Kiesel,
festen Lehm,
Samen haben es schwer,
darin Wurzel zu fassen, erst Sand
und Blätter, Zweige und Dünger
machen den Boden fruchtbar.
Das alles sage ich ihm.

Simon J. Ortiz,
Acoma-Pueblo Indianer, geb.1941
aus "Weisheit der Indianer",
Indianertexte der Gegenwart