Abschied
Keiner wird gefragtwann es ihm recht istABSCHIED zu nehmenVon MenschenVon GewohnheitenVon sich selbstIrgendwannHeißt es Damit umgehenIhn aushaltenAnnehmenDiesen Schmerz des SterbensDieses ZusammenbrechenUm neu aufzubrechen.
Die eine Rose
Die eine Rose überwältigt alles,Die aufgeblüht ist aus dem Traum.Sie rettet uns vom Grund des Falles.Schafft um uns einen reinen Raum,In dem nur wir sind und die Rose.Und das Gesetz, das sie erweckt.Und Tage kommen, reuelose.Vom Licht der Rose angesteckt.Eva Strittmatter
Hier
Sonett Nr.19Nur eines möcht ich nicht: dass du mich fliehst.Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.Denn wenn du taub wärst, bräucht ich, was du sagstUnd wenn du stumm wärst, bräucht ich was du siehstUnd wenn du blind wärst, möcht ich dich doch sehn.Du bist mir beigesellt als meine Wacht:Der lange Weg ist noch nicht halb verbrachtBedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!So gilt kein "Laß mich, denn ich bin verwundet!"So gilt kein "Irgendwo" und nur ein "Hier"Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.Ich aber brauche dich, wie's immer seiIch sage ich und könnt auch sagen wir.Bertold Brecht
Glück
Diesmal lasst mich glücklich sein, keinem ist etwas geschehen, und ich bin nirgendwo, einziges Ereignis ist, dass ich glücklich bin beim Gehen,beim Schlafen, beim Schreiben über das ganze Rund meines Herzens. Was soll weiter ich tun, ich bin glücklich, zahlloser bin ich als das Gras auf den Weiden, ich fühle die eigene Haut wie den runzligen Baum und unten das Wasser, hoch oben die Vögel, um meiner Hüfte das Meer wie einen Reif, aus Brot und Stein die Erde geschaffen, die Luft singt wie eine Gitarre. Du mir zuseiten im Sande bist Meeressand, du singst und bist Gesang, die Welt ist heut meine Seele, Lied und Sand, die Welt ist heute dein Mund, lasst mich an deinem Munde und im Sande glücklich sein, ja, glücklich sein, weil ich atme und weil auch du atmest, glücklich sein, weil ich dein Knie berühre und es ist, als berührte ich die blaue Haut und Kühle des Himmels. Heute lasst mich einzig nur glücklich sein mit allen oder ohne sie, glücklich sein mit dem Gras und dem Sand, glücklich sein mit der Luft und der Erde, glücklich sein mit dir, mit deinem Munde.(p. neruda)
Wintervorrat
"Der friedliche Übergang des Herbstes zum Winter ist keine schlechte Zeit. Es ist eine Zeit, in der man aufbewahrt und Vorräte sammelt, soviel man kann. Es ist schön, wenn man alles sammelt, was man ganz nah bei sich hat, seine Wärme und seine Gedanken, und wenn man sich weit innen einen sicheren Ort gräbt, wo man das verteidigt, was wichtig ist und kostbar und was man besitzt.Dann können Kälte und Stürme und die Dunkelheit kommen, soviel sie nur wollen. Sie tasten über die Wände und suchen nach einem Eingang, doch alles ist verschlossen.Und wer Vorsorge getroffen hat, sitzt drinnen, lacht in seiner Wärme und seiner Einsamkeit. "(aus Tove Jansson, Herbst im Mumintal)
Indianerweisheit
Ich gehe mit meinem Sohn ins Freieund zeige ihm einen Baumlasse ihn die Blätter berühren,das ist ein Blatt, sieh her,es ist grün, es hat Adern,so ist es geformt,greif´s an.Er berührt das Blatt. und der Zweig zittert mit,dicke Händchen greifenungestüm und zärtlichnach dem, was ich ihm zeige.Ich lasse ihn barfußauf dem Boden stehn, diese Erde spüren,braune Erde und Kiesel,festen Lehm, Samen haben es schwer,darin Wurzel zu fassen, erst Sandund Blätter, Zweige und Düngermachen den Boden fruchtbar.Das alles sage ich ihm.Simon J. Ortiz, Acoma-Pueblo Indianer, geb.1941aus "Weisheit der Indianer", Indianertexte der Gegenwart