Erinnerung
Die Weltist armgewordenseit esdichnicht mehrgibtgrau hängtder HimmelüberweißenFeldernund in derDämmerungrieseltder Schneeund dieSehnsuchtleiseüber dieleereflacheHandGitta Deutsch
Nur Meer
MeerWenn man ans Meer kommtsoll man zu schweigen beginnenbei den letzten Grashalmensoll man den Faden verlierenund den Salzschaumund das scharfe Zischen des Windes einatmenund ausatmenund wieder einatmen Wenn man den Sand sägen hörtund das Schlurfen der kleinen Steinein langen Wellensoll man aufhören zu sollenund nichts mehr wollen wollennur MeerNur Meer Erich Fried
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,als welkten in den Himmeln ferne Gärten;sie fallen mit verneinender Gebärde.Und in den Nächten fällt die schwere Erdeaus allen Sternen in die Einsamkeit.Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.Und sieh dir andre an: es ist in allen.Und doch ist Einer, welcher dieses Fallenunendlich sanft in seinen Händen hält.Rainer Maria Rilkeaus: Das Buch der Bilder
Herbstbeginn
Der Garten trauertKühl sinkt in die Blumen der RegenDer Sommer schauertStill seinem Ende entgegen.Golden tropft Blatt um BlattNieder vom hohen AkazienbaumSommer lächelt erstaunt und mattIn den sterbenden GartentraumLange noch bei den RosenBleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh.Langsam tut er die großenMüdgewordenen Augen zu.Hermann Hesse
Wasser
sei wie Wasser : ..schnell, wenn es schnell sein muß ..ruhig, wenn es still sein soll ..langsam, wenn Zeit vorhanden ist ..stark, wenn Hindernisse im Weg ..anschmiegsam, wenn Weichheit benötigt ..lustig , wenn Wasserfälle zum Spielen einladen ..offen , wenn Weite möglich ist ..(c) stefan
Warum nur?
Wäre ich Gott
Wäre ich Gott,dann würde ichweinenüber die Menschen,sie, die ich geschaffenzu meinem Ebenbild.
Wie ich weinen würdeüber ihre Bosheitund Gemeinheitund Rohheitund Dummheitund die armselige Güteund hilflose Verzweiflungund Trauer.
Und wie ich weinen würdeüber ihre Herzensangstund ihren ewigen Hungerihre Sorgeund Todesfurchtund trostlose Einsamkeitund über ihre Schicksale,ihre erbärmlichen kleinenSchicksale
und ihr blindes Tasten
nach jemand...
irgendeinem!
vielleicht nach mir!
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Und wie ich weinenwürdeüber alle Todesschreieund alles Blut, das sovergeblich fließt,so zutiefst vergeblich,und über den Hungerund die Hoffnungslosigkeitund die Notund alle wahnsinnigenQualenund einsame Todeund über die Gefolterten,die schreien und schreien,und über die Folterernoch mehr.
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Und dann die Kinder,alle, alle Kinder,über sie würde icham allermeisten weinen.Ja, wäre ich Gott,gewiss würde ich vielüber die Kinder weinen,denn nie habe ich mirgedacht,dass sie es so wie jetzthaben sollten.
Ströme, Strömewürde ich weinen, damitsie ertrinken könntenin den gewaltigen Flutenmeiner Tränen,alle meinen armen Menschen,und endlich Ruhe wäre.
Astrid Lindgren
aus dem Schwedischen von Anna-Liese Komitzky
Niemals Gewalt
Jenen, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter, als ihr kleiner Sohn etwas getan hatte, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdiente, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb dann lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind mußte gedacht haben, "meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Ermahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selbst gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"Astrid Lindgren in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Buchhandels 1974