Friday, September 29, 2006

Erinnerung

Die Welt
ist arm
geworden
seit es
dich
nicht mehr
gibt
grau hängt
der Himmel
über
weißen
Feldern
und in der
Dämmerung
rieselt
der Schnee
und die
Sehnsucht
leise
über die
leere
flache
Hand

Gitta Deutsch

Nur Meer

Meer
Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmens
oll man den Faden verlieren
und den Salzschaum
und das scharfe Zischen
des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer
Nur Meer

Erich Fried

Sunday, September 24, 2006

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke
aus: Das Buch der Bilder

Herbstbeginn

Der Garten trauert
Kühl sinkt in die
Blumen der Regen
Der Sommer schauert
Still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
Nieder vom hohen
Akazienbaum
Sommer lächelt erstaunt und matt
In den sterbenden Gartentraum

Lange noch bei den Rosen
Bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er die großen
Müdgewordenen Augen zu.

Hermann Hesse

Tuesday, September 05, 2006

Wasser

sei wie Wasser :
..schnell, wenn es schnell sein muß
..ruhig, wenn es still sein soll ..
langsam, wenn Zeit vorhanden ist
..stark, wenn Hindernisse im Weg
..anschmiegsam, wenn Weichheit benötigt
..lustig , wenn Wasserfälle zum Spielen einladen
..offen , wenn Weite möglich ist ..

(c) stefan

Sunday, September 03, 2006

Warum nur?

Wäre ich Gott

Wäre ich Gott,

dann würde ich
weinen
über die Menschen,
sie, die ich geschaffen
zu meinem Ebenbild.

Wie ich weinen würde

über ihre Bosheit
und Gemeinheit
und Rohheit
und Dummheit
und die armselige Güte
und hilflose Verzweiflung
und Trauer.

Und wie ich weinen würde

über ihre Herzensangst
und ihren ewigen Hunger
ihre Sorge
und Todesfurcht
und trostlose Einsamkeit
und über ihre Schicksale,
ihre erbärmlichen kleinen
Schicksale

und ihr blindes Tasten

nach jemand...

irgendeinem!

vielleicht nach mir!

-

Und wie ich weinen

würde
über alle Todesschreie
und alles Blut, das so
vergeblich fließt,
so zutiefst vergeblich,
und über den Hunger
und die Hoffnungslosigkeit
und die Not
und alle wahnsinnigen
Qualen
und einsame Tode
und über die Gefolterten,
die schreien und schreien,
und über die Folterer
noch mehr.

-

Und dann die Kinder,

alle, alle Kinder,
über sie würde ich
am allermeisten weinen.
Ja, wäre ich Gott,
gewiss würde ich viel
über die Kinder weinen,
denn nie habe ich mir
gedacht,
dass sie es so wie jetzt
haben sollten.

Ströme, Ströme

würde ich weinen,
damit
sie ertrinken könnten
in den gewaltigen Fluten
meiner Tränen,
alle meinen armen Menschen,
und endlich Ruhe wäre.

Astrid Lindgren

aus dem Schwedischen von Anna-Liese Komitzky

Niemals Gewalt

Jenen, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter, als ihr kleiner Sohn etwas getan hatte, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdiente, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb dann lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind mußte gedacht haben, "meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Ermahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selbst gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"

Astrid Lindgren in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Buchhandels 1974