Wednesday, February 22, 2006

Illusionen

als pandora
das faß öffnete
und die übel,
welche zeus hineingelegt hatte,
in die welt der menschen ausgeflogen waren,
blieb, von allen unbemerkt ,
ein letztes übel zurück
- die hoffnung.
seit dieser zeit betrachten
die menschen das faß und seinen inhalt,
die hoffnung irrigerweise als schatz,
als größtes glücksgut.

friedrich nietzsche

Monday, February 20, 2006

Bau mir ein Haus

Bau mir ein Haus
Der Wind kommt.
Der Wind, der die Blumen kämmt
und die Blüten zu Schmetterlingen macht,
der Tauben steigen läßt aus altem Papier
in den Schluchten Manhattans
himmelwärts, bis in den zehnten Stock,
und die Zugvögel an den Türmen
der Wolkenkratzer zerschellt.

Der Wind kommt, der salzige Wind,
der uns übers Meer treibt
und uns an einen Strand wirft
wie Quallen,
die wieder hinausgeschwemmt werden.

Der Wind kommt.
Halte mich fest.
Ach, mein heller Körper aus Sand,
nach dem ewigen Bilde geformt, nur
aus Sand.

Der Wind kommt
und nimmt einen Finger mit,
das Wasser kommt
und macht Rillen auf mir.
Aber der Wind
legt das Herz frei
- den zwitschernden roten Vogel
hinter den Rippen -
und brennt mir die Herzhaut
mit seinem Salpeteratem.
Ach, mein Körper aus Sand!
Halte mich fest,
halte
meinen Körper aus Sand.
Laß uns landeinwärts gehn,
wo die kleinen Kräuter die Erde verankern.
Ich will einen festen Boden,
grün, aus Wurzeln geknotet
wie eine Matte.
Zersäge den Baum,
nimm Steine
und bau mir ein Haus.
Ein kleines Haus
mit einer weißen Wand
für die Abendsonne
und einem Brunnen für den Mond
zum Spiegeln,
damit er sich nicht,
wie auf dem Meere,
verliert.
Ein Haus
neben einem Apfelbaum
oder einem Ölbaum,
an dem der Wind
vorbeigeht
wie ein Jäger, dessen Jagd
uns
nicht gilt.

Hilde Domin

Thursday, February 16, 2006

Zitat des Tages

aus der RNZ 16.02.06

"Anfangs wollt ich fast verzagen, und ich glaubt, ich trüg das nie,
und ich hab es doch getragen -
Aber fragt mich nur nicht wie...."

Heinrich Heine (1797-1856) deutscher Dichter

Meine beiden Söhne

Es fällt mir schwer

Es fällt mir ganz schwer einzusehen,
dass meine Töchter* längst in eigenen Schuhen stehen
und in ihr eigenes Schicksal wachsen müssen.
Nun hilft kein Streicheln mehr und Küssen.
Ich kann das Schwere zwar mit ihnen tragen,
sie dürfen hier bei mir auch jammern, klagen.
Doch gehen müssen sie allein.
Es fällt mir schwer, mit anzusehen,

wie meine Töchter* ihre eigenen Wege gehen
und Fehler machen und am Leben leiden.
Und ich kann sie nicht schützen, diese beiden,
die mir so ähnlich sind in ihren Schwächen.
Ich sehe ihre Flügel Stück für Stück zerbrechen.
Schon traf sie mancher harte Stein.
Es fällt mir schwer, die beiden abzugeben

an Gott, das Schicksal, an ihr eigenes Leben.
Ich wollte immer über ihrem Glücke wachen
und spüre voller Ohnmacht: Ich kann wenig machen.
Sie selber müssen an den Schwierigkeiten reifen
und irgendwann nach ihren eigenen Sternen greifen.
Wer wird dereinst ihr Sternendeuter sein?


Ute Latendorf

*Söhne

Wednesday, February 15, 2006

Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit,
sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Pred 3,1-11

Leben lernen

Leben lernen

von der Sonne lernen,
zu wärmen, von den Wolken lernen, leicht zu schweben,
von dem Wind lernen, Anstöße zu geben,
von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen,
von den Bäumen lernen, standhaft zu sein,
von den Blumen das Leuchten lernen,
von den Steinen das Bleiben lernen,
von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen,
von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen,
vom Sturm die Leidenschaft lernen,
vom Regen lernen, sich zu verströmen,
von der Erde lernen, mütterlich zu sein,
vom Mond lernen, sich zu verändern,
von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein,
von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben immer, an jedem Tag, von neuem beginnt ...

Ute Latendorf

Monday, February 13, 2006

Das perfekte Herz

Das perfekte Herz ?

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste und perfekteste Herz im ganzen Tal habe. Denn schließlich wisse nur er, wie großmütig und edel, wie spirituell entwickelt und gottverbunden er sei. Schon zum wiederholten Mal versammelte sich hier eine Menschenmenge um ihn herum und sie bestaunten sein Wissen und all die mysteriösen Kunststückchen, die doch ganz sicher nur einer vollbringen kann, der ein perfektes Herz hat. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm.
Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Das machte den jungen Mann noch stolzer und er sprach noch lauter und ausführlicher über sein schönes Herz.

Da tauchte ein alter Mann in der Menge auf und sagte offensichtlich provozierend: „Nun, ich glaube, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Denn das konnten sie wirklich, in das Innerste eines Menschen zu schauen.
Dieses alte Herz schlug kräftig, aber es war voller Narben. Es hatte Stellen wo offenbar Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Diese wiederum passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken, genau gesagt, an einigen Stellen fehlten ganze Teile und hinterließen tiefe Furchen. Die Leute starrten ihn an: Wie kann dieser alte Mann behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie.

Der junge Mann lachte: „Du musst scherzen, dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“ „Ja“, sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich möchte nicht mit dir tauschen. Jede Narbe in meinem Herzen steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich gab ihm ein Stück meines Herzens, und oft gaben sie mir ein Stück ihres Herzens dafür. Aber weil die Stücke nicht genau gleich sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mit der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die scheinbar leeren Furchen.

Liebe geben heißt, auch manchmal ein Risiko einzugehen. Wenn diese Furchen schmerzhaft sind, erinnern sie mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde … und ich glaube, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“

Der junge Mann stand still da, und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem scheinbar so perfekten jungen und schönen Herzen und nahm ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der Alte nahm das Angebot an und setzte es in sein Herz. Er wiederum nahm ein Stück aus seinem alten vernarbten Herzen und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht genau, da es ja schon so einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr äußerlich perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen und wie es sich in seinem ganzen Körper ausbreitete. Die beiden umarmten sich und gingen fort, erst Seite an Seite, dann jeder auf seinem Weg.

Verfasser/In unbekannt

Wednesday, February 08, 2006

Abschied

Rainer Maria Rilke -
Abschied

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes-, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Tuesday, February 07, 2006

Narben

Nicht alle Schmerzen sind heilbar,
denn manche schleichen sich tiefer
und tiefer ins Herz hinein,
und während Tage und Jahre verstreichen,
werden sie Stein.
Du sprichst und lachst,
wie wenn nichts wäre,
sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
bis in den Traum.
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch)

Hoffnung

Die schönste Lebensblume
sprießt
im Strahl der Zuversicht
wo Kraft und Mut
verankert sind
blickt Hoffnung
froh ins Licht

Winter

Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf,
so macht es klirr und titscher - titscher - titscher - dirr . . .
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen
- doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
Aber bald, aber bald werden wir selbst
auf eignen Sohlen hinausgehn können
und den Stein wiederholen.

[Christian Morgenstern]

Unterschiedliche Wahrnehmung

Du sagst:
eine Blume,
und schon blüht mir am Weg die Kamille.
Du aber dachtest an Mohn.
Du sagst: ein Vogel,
schon fliegt mir der Stieglitz davon.
Du dachtest: ein Sperber.
Du sagst: ein Haus,
und ich stehe unterm schützenden Giebel.
Du aber, du stehst unterm Himmel auf einem flachen Dach.
Und sagst: ein Kind,
Und ich spüre seine Hand in der meinen.
Du aber dachtest nur:
irgendein Kind,
eine fremde Blume,
irgendein Vogel,
ein Haus irgendwo.

Du sagst: das Meer,
und du denkst es dir blau,
und meines wird zu Blei.
Und Himmel und Berg und ein Schiff,
ich bitte dich Schweige!
Ich will dich lieben.

Christine Brückner
Zufrieden

Auf der Bank
unseres jungen
saftig grünen Frühlings
sitzen wir
im bunt gefärbten Herbst unseres Lebens
zusammen glücklich
ein opalisierender Tropfen Licht
rundet sich
wie der immer weiter werdende Blickwinkel
gemeinsamer Tage

Isolde Ahr

Herz

Herzbuch

Ein weißes Herzbuch
weder Wort noch Melodie
nur reges Schweigen
Zwischen den Zeilen
leere Bilder
mittendrin dein Herz

Glücksmomente

Französische Sommersprossen

Abstand gewinnen,
Alltag verlieren.
Stille lernen.
Durchatmen,
die Zeit anhalten.
Lichtspiele auf alten Mauern,
Sonnenblumen und Stockrosen
im Wettstreit.

Das Wohlgefühl der Vögel verstehen,
ihren Zwitschersinfonien lauschen.
Der Künstlerin Sonne
bei der Arbeit zusehen
und ihre Wolkenleinwand bewundern.
Zeit für die Liebe.

Leise Bücher lesen
und sich manchmal wiederfinden.
Dem Wind
Geheimnisse anvertrauen.
Seine Nachrichten empfangen.
Wieder staunen können.
Unwichtiges von Wichtigem trennen.
Augenblicke einfangen,
Sie bewahren.

Den Sommer gut riechen können
und ihn einatmen.
Zwischen alten Mauern die Uhr anhalten.
Die Geschichte der Steine hören.
Zeit für die Liebe.
Die stille Heiterkeit
im Land der Sonnenblumen
und die Lust des Augenblicks genießen.
Das Heute schmecken.

Der Sprachmusik der Freunde lauschen.
Vin rouge, baguette und ein bisschen fromage
fürs Glücklichsein genügen lassen.
Am Salz der Brandung lecken
und sich fallen lassen.
Zeit für die Liebe.

Bis zum Horizont sehen
und den eigenen erweitern.
Den Wolken liebe Grüße mitschicken.
Frei und nackt
und ohne Scham
sich der blendenden Brandung ausliefern.
Und täglich Dank empfinden.
Zeit für die Liebe.

Heiner Eckels

Monday, February 06, 2006

Eine Insel ganz allein für mich!

Inselmittag

Wir sind Fremde
von Insel
zu Insel.
Aber am Mittag,
wenn uns das Meer
bis ins Bett steigt
und die Vergangenheit
wie Kielwasser
an unsern Fersen abläuft
und das tote Meerkraut am Strand
zu goldenen Bäumen wird,
dann hält uns kein Netz
der Erinnerung mehr,
wir gleiten
hinaus,
und die abgesteckten
Meerstraßen der Fischer
und die Tiefenkarten
gelten nicht
für uns.

Hilde Domin

Sunday, February 05, 2006

Warum nur?

WARUM

Warum rührt er sich immer noch
immer wieder der alte Schmerz
zerfetzt mir fast die Brust
bricht mich entzwei
deckt mich mit Bitterkeit.

Warum jetzt immer noch?

Saturday, February 04, 2006

Neue Kräfte

Neue Kräfte

Es gibt Situationen in unserem Leben, in denen wir uns verletzt oder einsam fühlen...
Aber ich glaube, dass diese Zeiten, in denen wir ziellos umherirren und alles um uns herum zu zerbrechen scheint, eigentlich eine Herausforderung für uns sind.
Wir versuchen verzweifelt an der Sicherheit der Vergangenheit festzuhalten, aber ganz unwillkürlich ...überwinden wir alle Probleme und erlangen ein neues Verständnis, ein neues Bewusstsein und neue Kräfte. Es ist fast so, als müssten wir diesen Schmerz und diesen Kampf durchmachen, um zu wachsen und neue Höhen zu erreichen.

[Autor unbekannt]

Thursday, February 02, 2006

Schritt für Schritt

Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, das kann ich niemals schaffen. Der Straßenkehrer Beppo sagt: „Man darf niemals die ganze Straße auf einmal denken. Man muss nur an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich denken. Auf einmal merkt man, dass man, Schritt für Schritt, die ganze Strasse gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt, wie, und man ist nicht außer Puste“. -

Michael Ende- „Momo“

Verbunden

Schlichtes Liebesgedicht

Ich lege meine Hand auf deine.
Deine Augen ruhen
einen erträglichen Moment
in meinen aus.
Meine Sätze fügen
sich nahtlos an deine
und deine ergänzen,
was ich vergessen habe.
Wir gehen gemeinsam
in die Stille ein,
die wir unserer Liebe erlauben.
Wir stehen auf
und auferstehen
in der Begeisterung
für die Entschiedenheit
die wir versuchen zu leben.

Wir ehren die Grenze,
die den Freiraum umrandet,
den wir unseren Seelen schulden.
Ich übe es, auszuhalten,
daß du ein Geheimnis bist
und daß ich in deiner Gegenwart
manchmal ebenso eines werde.

(Ulrich Schaffer)

Treulose Kahnfahrt

Treulose Kahnfahrt

Aber der Traum ist ein Kahn
zu dem falschen Ufer.
Du steigst ein
an dem schimmernden Holzsteg des Gestern.
Du bist eingeladen
zu einer Fahrt über rosa Wolken
unter rosa Wolken,
wolkengleich.
Ein Hauch der Luft,
du bist so leicht,
der Kahn so steuerlos,
das Wasser so spiegelglatt.
So sanft verlierst du die Richtung:
du bist noch unterwegs nach der Wiese im Licht,
wenn der Sand schon unter dem Kiel knirscht
im Schatten der Weiden.

Hilde Domin