Illusionen
als pandora das faß öffnete und die übel, welche zeus hineingelegt hatte, in die welt der menschen ausgeflogen waren, blieb, von allen unbemerkt , ein letztes übel zurück - die hoffnung. seit dieser zeit betrachten die menschen das faß und seinen inhalt, die hoffnung irrigerweise als schatz, als größtes glücksgut.friedrich nietzsche
Bau mir ein Haus
Bau mir ein HausDer Wind kommt.Der Wind, der die Blumen kämmtund die Blüten zu Schmetterlingen macht,der Tauben steigen läßt aus altem Papierin den Schluchten Manhattanshimmelwärts, bis in den zehnten Stock,und die Zugvögel an den Türmender Wolkenkratzer zerschellt.Der Wind kommt, der salzige Wind,der uns übers Meer treibtund uns an einen Strand wirftwie Quallen,die wieder hinausgeschwemmt werden.Der Wind kommt.Halte mich fest.Ach, mein heller Körper aus Sand,nach dem ewigen Bilde geformt, nuraus Sand.Der Wind kommtund nimmt einen Finger mit,das Wasser kommtund macht Rillen auf mir.Aber der Windlegt das Herz frei- den zwitschernden roten Vogelhinter den Rippen -und brennt mir die Herzhautmit seinem Salpeteratem.Ach, mein Körper aus Sand!Halte mich fest,haltemeinen Körper aus Sand.Laß uns landeinwärts gehn,wo die kleinen Kräuter die Erde verankern.Ich will einen festen Boden,grün, aus Wurzeln geknotetwie eine Matte.Zersäge den Baum,nimm Steineund bau mir ein Haus.Ein kleines Hausmit einer weißen Wandfür die Abendsonneund einem Brunnen für den Mondzum Spiegeln,damit er sich nicht,wie auf dem Meere,verliert.Ein Hausneben einem Apfelbaumoder einem Ölbaum,an dem der Windvorbeigehtwie ein Jäger, dessen Jagdunsnicht gilt.Hilde Domin
Zitat des Tages
aus der RNZ 16.02.06"Anfangs wollt ich fast verzagen, und ich glaubt, ich trüg das nie,und ich hab es doch getragen - Aber fragt mich nur nicht wie...."Heinrich Heine (1797-1856) deutscher Dichter
Meine beiden Söhne
Es fällt mir schwer Es fällt mir ganz schwer einzusehen,dass meine Töchter* längst in eigenen Schuhen stehenund in ihr eigenes Schicksal wachsen müssen.Nun hilft kein Streicheln mehr und Küssen.Ich kann das Schwere zwar mit ihnen tragen,sie dürfen hier bei mir auch jammern, klagen.Doch gehen müssen sie allein.
Es fällt mir schwer, mit anzusehen,wie meine Töchter* ihre eigenen Wege gehenund Fehler machen und am Leben leiden.Und ich kann sie nicht schützen, diese beiden,die mir so ähnlich sind in ihren Schwächen.Ich sehe ihre Flügel Stück für Stück zerbrechen.Schon traf sie mancher harte Stein.
Es fällt mir schwer, die beiden abzugebenan Gott, das Schicksal, an ihr eigenes Leben.Ich wollte immer über ihrem Glücke wachenund spüre voller Ohnmacht: Ich kann wenig machen.Sie selber müssen an den Schwierigkeiten reifenund irgendwann nach ihren eigenen Sternen greifen.Wer wird dereinst ihr Sternendeuter sein?
Ute Latendorf*Söhne
Alles hat seine Zeit
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.Pred 3,1-11
Leben lernen
Leben lernen von der Sonne lernen, zu wärmen, von den Wolken lernen, leicht zu schweben, von dem Wind lernen, Anstöße zu geben, von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen, von den Bäumen lernen, standhaft zu sein, von den Blumen das Leuchten lernen, von den Steinen das Bleiben lernen, von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen, von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen, vom Sturm die Leidenschaft lernen, vom Regen lernen, sich zu verströmen, von der Erde lernen, mütterlich zu sein, vom Mond lernen, sich zu verändern, von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein, von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben immer, an jedem Tag, von neuem beginnt ... Ute Latendorf
Das perfekte Herz
Das perfekte Herz ? Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste und perfekteste Herz im ganzen Tal habe. Denn schließlich wisse nur er, wie großmütig und edel, wie spirituell entwickelt und gottverbunden er sei. Schon zum wiederholten Mal versammelte sich hier eine Menschenmenge um ihn herum und sie bestaunten sein Wissen und all die mysteriösen Kunststückchen, die doch ganz sicher nur einer vollbringen kann, der ein perfektes Herz hat. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Das machte den jungen Mann noch stolzer und er sprach noch lauter und ausführlicher über sein schönes Herz. Da tauchte ein alter Mann in der Menge auf und sagte offensichtlich provozierend: „Nun, ich glaube, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Denn das konnten sie wirklich, in das Innerste eines Menschen zu schauen. Dieses alte Herz schlug kräftig, aber es war voller Narben. Es hatte Stellen wo offenbar Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Diese wiederum passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken, genau gesagt, an einigen Stellen fehlten ganze Teile und hinterließen tiefe Furchen. Die Leute starrten ihn an: Wie kann dieser alte Mann behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie. Der junge Mann lachte: „Du musst scherzen, dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“ „Ja“, sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich möchte nicht mit dir tauschen. Jede Narbe in meinem Herzen steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich gab ihm ein Stück meines Herzens, und oft gaben sie mir ein Stück ihres Herzens dafür. Aber weil die Stücke nicht genau gleich sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mit der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die scheinbar leeren Furchen. Liebe geben heißt, auch manchmal ein Risiko einzugehen. Wenn diese Furchen schmerzhaft sind, erinnern sie mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde … und ich glaube, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“ Der junge Mann stand still da, und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem scheinbar so perfekten jungen und schönen Herzen und nahm ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der Alte nahm das Angebot an und setzte es in sein Herz. Er wiederum nahm ein Stück aus seinem alten vernarbten Herzen und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht genau, da es ja schon so einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr äußerlich perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen und wie es sich in seinem ganzen Körper ausbreitete. Die beiden umarmten sich und gingen fort, erst Seite an Seite, dann jeder auf seinem Weg. Verfasser/In unbekannt
Abschied
Rainer Maria Rilke - AbschiedWie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnesgrausames Etwas, das ein Schönverbundnesnoch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,zurückblieb, so als wärens alle Frauenund dennoch klein und weiß und nichts als dies:Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,ein leise Weiterwinkendes-, schon kaumerklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.
Narben
Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen sich tiefer und tiefer ins Herz hinein, und während Tage und Jahre verstreichen, werden sie Stein. Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre, sie scheinen zerronnen wie Schaum. Doch du spürst ihre lastende Schwere bis in den Traum. Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle, die Welt wird ein Blütenmeer. Aber in meinem Herzen ist eine Stelle, da blüht nichts mehr. (Ricarda Huch)
Hoffnung
Die schönste Lebensblume sprießtim Strahl der Zuversichtwo Kraft und Mut verankert sindblickt Hoffnung froh ins Licht
Winter
Wenn es Winter wird Der See hat eine Haut bekommen, so dass man fast drauf gehen kann, und kommt ein großer Fisch geschwommen, so stößt er mit der Nase an. Und nimmst du einen Kieselstein und wirfst ihn drauf, so macht es klirr und titscher - titscher - titscher - dirr . . . Heißa, du lustiger Kieselstein! Er zwitschert wie ein Vögelein und tut als wie ein Schwälblein fliegen - doch endlich bleibt mein Kieselstein ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen. Da kommen die Fische haufenweis und schaun durch das klare Fenster von Eis und denken, der Stein wär etwas zum Essen; doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen, das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt, sie machen sich nur die Nasen kalt. Aber bald, aber bald werden wir selbst auf eignen Sohlen hinausgehn können und den Stein wiederholen. [Christian Morgenstern]
Unterschiedliche Wahrnehmung
Du sagst: eine Blume, und schon blüht mir am Weg die Kamille. Du aber dachtest an Mohn. Du sagst: ein Vogel, schon fliegt mir der Stieglitz davon. Du dachtest: ein Sperber. Du sagst: ein Haus, und ich stehe unterm schützenden Giebel. Du aber, du stehst unterm Himmel auf einem flachen Dach. Und sagst: ein Kind, Und ich spüre seine Hand in der meinen. Du aber dachtest nur: irgendein Kind, eine fremde Blume, irgendein Vogel, ein Haus irgendwo. Du sagst: das Meer, und du denkst es dir blau, und meines wird zu Blei. Und Himmel und Berg und ein Schiff, ich bitte dich Schweige! Ich will dich lieben. Christine Brückner
ZufriedenAuf der Bankunseres jungen saftig grünen Frühlingssitzen wirim bunt gefärbten Herbst unseres Lebenszusammen glücklichein opalisierender Tropfen Lichtrundet sichwie der immer weiter werdende Blickwinkelgemeinsamer TageIsolde Ahr
Herz
Herzbuch Ein weißes Herzbuch weder Wort noch Melodie nur reges Schweigen Zwischen den Zeilen leere Bilder mittendrin dein Herz
Glücksmomente
Französische SommersprossenAbstand gewinnen,Alltag verlieren.Stille lernen.Durchatmen,die Zeit anhalten.Lichtspiele auf alten Mauern,Sonnenblumen und Stockrosenim Wettstreit.Das Wohlgefühl der Vögel verstehen,ihren Zwitschersinfonien lauschen.Der Künstlerin Sonnebei der Arbeit zusehenund ihre Wolkenleinwand bewundern.Zeit für die Liebe.Leise Bücher lesenund sich manchmal wiederfinden.Dem WindGeheimnisse anvertrauen.Seine Nachrichten empfangen.Wieder staunen können.Unwichtiges von Wichtigem trennen.Augenblicke einfangen,Sie bewahren.Den Sommer gut riechen könnenund ihn einatmen.Zwischen alten Mauern die Uhr anhalten.Die Geschichte der Steine hören.Zeit für die Liebe.Die stille Heiterkeitim Land der Sonnenblumenund die Lust des Augenblicks genießen.Das Heute schmecken.Der Sprachmusik der Freunde lauschen.Vin rouge, baguette und ein bisschen fromagefürs Glücklichsein genügen lassen.Am Salz der Brandung leckenund sich fallen lassen.Zeit für die Liebe.Bis zum Horizont sehenund den eigenen erweitern.Den Wolken liebe Grüße mitschicken.Frei und nacktund ohne Schamsich der blendenden Brandung ausliefern.Und täglich Dank empfinden.Zeit für die Liebe.Heiner Eckels
Eine Insel ganz allein für mich!
InselmittagWir sind Fremdevon Inselzu Insel.Aber am Mittag, wenn uns das Meerbis ins Bett steigtund die Vergangenheitwie Kielwasseran unsern Fersen abläuftund das tote Meerkraut am Strandzu goldenen Bäumen wird,dann hält uns kein Netzder Erinnerung mehr,wir gleitenhinaus,und die abgestecktenMeerstraßen der Fischerund die Tiefenkartengelten nichtfür uns. Hilde Domin
Warum nur?
WARUM Warum rührt er sich immer noch immer wieder der alte Schmerz zerfetzt mir fast die Brust bricht mich entzwei deckt mich mit Bitterkeit. Warum jetzt immer noch?
Neue Kräfte
Neue Kräfte Es gibt Situationen in unserem Leben, in denen wir uns verletzt oder einsam fühlen... Aber ich glaube, dass diese Zeiten, in denen wir ziellos umherirren und alles um uns herum zu zerbrechen scheint, eigentlich eine Herausforderung für uns sind. Wir versuchen verzweifelt an der Sicherheit der Vergangenheit festzuhalten, aber ganz unwillkürlich ...überwinden wir alle Probleme und erlangen ein neues Verständnis, ein neues Bewusstsein und neue Kräfte. Es ist fast so, als müssten wir diesen Schmerz und diesen Kampf durchmachen, um zu wachsen und neue Höhen zu erreichen. [Autor unbekannt]
Schritt für Schritt
Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, das kann ich niemals schaffen. Der Straßenkehrer Beppo sagt: „Man darf niemals die ganze Straße auf einmal denken. Man muss nur an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich denken. Auf einmal merkt man, dass man, Schritt für Schritt, die ganze Strasse gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt, wie, und man ist nicht außer Puste“. -Michael Ende- „Momo“
Verbunden
Schlichtes Liebesgedicht Ich lege meine Hand auf deine. Deine Augen ruhen einen erträglichen Moment in meinen aus. Meine Sätze fügen sich nahtlos an deine und deine ergänzen, was ich vergessen habe. Wir gehen gemeinsam in die Stille ein, die wir unserer Liebe erlauben. Wir stehen auf und auferstehen in der Begeisterung für die Entschiedenheit die wir versuchen zu leben. Wir ehren die Grenze, die den Freiraum umrandet, den wir unseren Seelen schulden. Ich übe es, auszuhalten, daß du ein Geheimnis bist und daß ich in deiner Gegenwart manchmal ebenso eines werde. (Ulrich Schaffer)
Treulose Kahnfahrt
Treulose Kahnfahrt Aber der Traum ist ein Kahnzu dem falschen Ufer. Du steigst ein an dem schimmernden Holzsteg des Gestern. Du bist eingeladen zu einer Fahrt über rosa Wolken unter rosa Wolken, wolkengleich. Ein Hauch der Luft, du bist so leicht, der Kahn so steuerlos, das Wasser so spiegelglatt. So sanft verlierst du die Richtung: du bist noch unterwegs nach der Wiese im Licht, wenn der Sand schon unter dem Kiel knirscht im Schatten der Weiden. Hilde Domin