Wednesday, June 28, 2006

Narben

Nicht alle Schmerzen sind heilbar,
denn manche schleichen
sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
und während Tage und Jahre verstreichen,
werden sie immer mehr zu Stein.

Du sprichst und lachst,
wie wenn nichts wäre,
sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
bis hinein in den tiefsten Traum.

Der Sommer kommt wieder
mit Wärme und Helle,
die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen da ist eine Stelle,
da blüht und wärmt und lacht nichts mehr.

-R. Huch-

Tuesday, June 27, 2006

Das E S

In den Erinnerungen eines jeden Menschens gibt es Dinge, die er nicht allen mitteilt, sondern höchstens seinen Freunden.
Aber es gibt auch Dinge, die er nicht einmal seinen Freunden gesteht, sondern nur sich selbst, und das auch nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
Schließlich aber gibt es auch noch Dinge, die der Mensch gegen sich selbst zu sagen fürchtet und solche Dinge sammeln sich bei jedem anständigen Menschen eine ganz beträchtliche Menge an.

Dostojewskij
Aufzeichungen aus dem Untergrund

Monday, June 26, 2006

Die Rose

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Rosenzyklus

I.Gedicht aus dem Rosen-Zyklus

Ich sehe dich,
Rose, halbgeöffnetes Buch,
es enthält Seiten genug,
das Glück zu beschreiben
und niemand wird sie entziffern.
Zauber-Buch
öffnet sich dem Wind und dem,
der es versucht
mit geschlossenen Augen zu lesen ....
und Schmetterlingen,
die verwirrt entgleiten,
weil sie schon Gedanken
mit ihm teilten.

[Rainer Maria Rilke (1875-1926)]

Sunday, June 18, 2006

Es ist, was es ist!

So ist es

Ein Schmerz
zieht einen anderen
nach sich

Eine Freude
verdoppelt
die andere

Eine Liebe
umarmt das Wort
DU

erfindet
das Wort
Liebe

Rose Ausländer (1901-1988)

Saturday, June 17, 2006

Ich will!

Ich will versuchen, an die Zeit zu schreiben,
damit sie stillsteht, wenn Du bei mir bist.
Ich will sie bitten, Gegenwart zu bleiben,
wenn keine Zukunft für uns übrig ist.

Ich will die Arme um Dein Lachen legen
und es beschützen vor der Traurigkeit.
Ich will auf blühenden Wiesenwegen
für Dich da sein bis in alle Ewigkeit.

Ich will für Dich Deine Sorgen tragen,
wie Du die meinen auf Dich nimmst.
Ich will Dich nach Deinem Kummer fragen,
damit Du einen Teil davon mir gibst.

Ich will mitunter an Dein Inneres rühren.
In einer Sprache, die das Wort umgeht.
Ich will Dich mein Leben lang verführen,
in einer Art, die Dir alles gesteht.

Ich will versuchen, an die Zeit zu schreiben,
das sie ohne Dich im Fluge vergeht.
Ich will an die Jahre denken, die uns bleiben,
wo jeder des ander`n Liebe gesteht.

Sylvia Laur

Saturday, June 03, 2006

Träume

WIR TRÄUMEN DAVON,
EINEN MENSCHEN ZU FINDEN,
DER GANZ EINS MIT UNS IST.
WEDER ERFÜLLT SICH DER TRAUM,
NOCH WIRD ER VERGEBENS GETRÄUMT;
WER IHN NICHT TRÄUMT,
HAT VON DER LIEBE NIE ETWAS ERFAHREN.

Unbekannt

Friday, June 02, 2006

Sanft

Du bist zart
Wie die Fingerabdrücke
Der Vögel im Schnee.
Du bist traurig
Wie die Pinie am Berg
Mit dem zerzausten Haar.
Du bist süß
Wie die Datteln
Biblischer Palmbäume.
Und ich betrüge dich,
Gerade weil du so sanft bist
Und so vollendet traurig.

- Claire Goll -

Kostenlos

Die guten Dinge des Lebens sind alle kostenlos.
Die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß,
Das Leben für teuer zu halten,
wo doch die Hauptsachen kostenlos sind.
Das kommt vom zum frühen Erkalten.
Wir genossen als Kind
die Luft nach ihrem Werte,
und Wasser als Gewinn.
Und Liebe, die Unbegehrte
nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig
und atmen Zeit mit ein.
Wir leben eilig und wichtig
und trinken Wasser satt Wein.
Und die Liebe machen wir zu einer Pflicht und Last
und das Leben kommt dem zu teuer,
der es zu billig auffasst.

Eva Strittmatter