Gezeiten
Gezeiten des Lebens
Wenn man jemanden liebt,so liebt man ihn nicht die ganze Zeit,nicht Stunde um Stunde auf die gleiche Weise.Und doch ist es genau das,was die meisten von uns fordern.Wir haben so wenig Vertrauenin die Gezeiten unseres Lebens, der Liebe, der Beziehungen.Wir jubeln der steigenden Flut entgegenund wehren uns erschrocken gegen die Ebbe.Wir haben Angst, sie würde nie zurückkehren.Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit, Fortdauer;und die einzig mögliche Fortdauer des Lebenswie der Liebe liegt im Wachstum,im täglichen Auf und Ab - in der Freiheit;in der Freiheit im Sinne von Tänzern,die sich kaum berühren und doch Partner in der gleichen Bewegung sind. Anne Morrow Lindbergh
Stufen von Hermann Hesse
Wie jede Blüte welkt und jede JugendDem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,Blüht jede Weisheit auch und jede TugendZu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.Es muß das Herz bei jedem LebensrufeBereit zum Abschied sein und Neubeginne,Um sich in Tapferkeit und ohne TrauernIn andre, neue Bindungen zu geben.Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,An keinem wie an einer Heimat hängen,Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.Kaum sind wir heimisch einem LebenskreiseUnd traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die TodesstundeUns neuen Räumen jung entgegen senden,Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!Hermann Hesse
Stufen
"Auf den obersten Stufen des Glücks begegnet man noch mehr Wünschen und Bedürfnissen als auf den untersten."Emanuel Wertheimer
Heimweh
Das Heimweh,welches die vier Menschen schon fast vergessen hatten,kam wieder in einer anderen, unerwarteten Gestalt über sie. Sie sehnten sich nicht mehr nach der Vergangenheit, sondern sie träumten in den heißen Stuben hinter dichtVerhangenen Fenstern von dem leichten, luftigen Dorfsommer, dem die kühlen Winde so nachbarlich sind. Von den hellen Feldwegen, über welche die jungen Obstbäumchen ihre ruhend dünnen Schatten legen, so dass man drüber hin wie auf einer Leiter geht, von Strich zu Strich. Von den schweren, reifen Feldern, die so breit und prächtig zu wogen beginnen gegen den Abend zu, und von den Hainen, in deren dunkelnder Stille die schweigsamen Teiche liegen, von denen niemand weiß, wie tief sie sind. Und dabei dachte jeder von den vier Menschenan irgendeine bestimmte unbedeutende Stunde, deren kleines Glück man einst, ohne es zu werten, ebenso mitgenommen hatte. Und umso schmerzlicher war dieses Sehnen, als es nicht ein Unwiederbringliches betraf, als jeder fühlte, wie der heitere Heimatsommer ihn erwartete und traurig wurde, wenn keiner kam. Rainer Maria Rilke
Blick zurück
Die eine Klage Wer die tiefste aller WundenHat in Geist und Sinn empfundenBittrer Trennung Schmerz;Wer geliebt was er verlohren,Lassen muß was er erkohren,Das geliebte Herz, Der versteht in Lust die ThränenUnd der Liebe ewig SehnenEins in Zwei zu sein,Eins im Andern sich zu finden,Daß der Zweiheit Grenzen schwindenUnd des Daseins Pein. Wer so ganz in Herz und SinnenKonnt' ein Wesen liebgewinnenO! den tröstet's nichtDaß für Freuden, die verlohren,Neue werden neu gebohren:Jene sind's doch nicht. Das geliebte, süße Leben,Dieses Nehmen und dies Geben,Wort und Sinn und Blick,Dieses Suchen und dies Finden,Dieses Denken und EmpfindenGiebt kein Gott zurück.Karoline von Günderrode 1780 -1806)
Memoriam
Das ist das Schwerste: sich verschenkenund wissen, daß man überflüssig ist,sich ganz zu geben und zu denken,daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.Selma Meerbaum-Eisinger------------------------Gestorben am 16. Dezember 1942 imdeutschen Arbeitslager Michailowka.Sie wurde 18 Jahre alt.
Sunrise
ABSCHIEDDas Gutefliegt jetzt davondorthinwo allesnicht immerin die Vergangenheit fälltsondern täglichauf-und untergehtwie die Sonne(Erich Fried)