Monday, July 24, 2006

Es gibt zehn starke Dinge.

Eisen ist stark,
doch schmilzt es im Feuer.
Feuer ist stark,
doch das Wasser löscht es.
Wasser ist stark,
doch Wolken verwandeln es in Dampf.
Wolken sind stark,
doch der Wind vertreibt sie.
Der Mensch ist stark,
doch die Angst wirft ihn nieder.
Die Angst ist stark,
doch der Schlaf überwindet sie.
Der Schlaf ist stark,
doch der Tod ist stärker.

Herzensgüte aber übersteht auch den Tod.

(Der Talmud)

Danke!

Du kannst darüber weinen,
dass sie gegangen ist,
oder du kannst lächeln,
weil sie gelebt hat.
Du kannst deine Augen schließen und beten,
das sie wiederkommt,
oder du kannst sie öffnen und sehen,
was sie zurückgelassen hat.
Dein Herz kann leer sein,
weil du sie nicht sehen kannst,
oder es kann voll der Liebe sein,
die sie für dich und andere hatte.
Du kannst immer daran denken,
dass sie gegangen ist,
oder du kannst sie im Herzen tragen
und in dir weiterleben lassen.
Du kannst weinen und ganz leer sein
Oder du kannst tun,
was sie von dir wollte:
Dass du lächelst, deine Augen öffnest,
Liebe gibst und weitergehst.

(Autor mir unbekannt)

Friday, July 21, 2006

Für eine liebe Freundin (G.B.M.) Danke!

Segen der Begegnung

Es gibt Begegnungen,
in denen alles in dir hell wird,
die deine Seele
aufleuchten lassen,
als stünde ein Engel
im Raum.

Ich wünsche dir
das Geschenk solcher
heiligen Augenblicke,
in denen dir das Licht des Himmels
mitten ins Herz scheint.

Christa Spilling Nöcker

Segen

Noch einen Sommer

Noch einen Sommer
schenk mir Zeit
Ich will mich
hinabwurzeln
ins dunkle Erdbett
vom tiefen Brunnen
zu trinken.

Noch einen Sommer
schenk mir Zeit
Ich will
das Licht
sehnen
und aufragen
bis die Betondecke
springt.

Noch einen Sommer
hab Geduld
ein wenig noch.
Ich werd mich dir
von meinen Zweigen weg
in deine goldene Schale
pflücken
So segne mich denn.

Mutmach Segen

Höre
auf die Stimme
des Engels
und folge dem Ruf
deines Herzens
der dich
mit dir selbst
ans Ziel bringen will
auch wenn der Weg
unbequem ist,
beschwerlich
und weit.
Am Ende aber
leuchtet dir ein Land
voller Segen

Christa Spilling Nöker

Abschied von H.

Schnittstelle

Manchmal
muss ich loslassen
muss mich
schmerzhaft verabschieden
werde
in die Fremde gezwungen
damit Neues
Raum bekommt
der nächste Schritt
der weiter führt.

Abschied
ist
Anfang
ist
Lust und Trauer
Sehnsucht und Schmerz

Abschied
und Anfang
Schnittstellen
menschlichen Lebens

Wunden in die sich
das Leben einzeichnet

Andrea Schwarz

Thursday, July 20, 2006

Sehnsucht

Das Wesen der Sehnsucht
ist nicht die Qual
unerfüllten Seins.
Sie ist ein Ort
der stillen,
tiefen Freude
am Spiel
um die Freiheit
des Geschehenlassens.

Hans Kruppa

Eine Feder

Eine Feder,
die durch die
geöffnete Balkontür
bald herein,
bald heraus weht,
als wüsste sie nicht ,
was sie einlösen soll,
ein Versprechen
oder einen Fluch
oder eine Illusion,
oder ein Versäumnis,
oder einen Schwur,

was kann trauriger
und
zugleich stolzer sein,
als eine einsame Feder,
ganz gleich,
wofür sie sich entscheidet,
und ob sie von einem Flügel
aufgegeben wurde
oder sich eigenwillig
von einem Flügel löste?

Franz Hodjak

Wednesday, July 19, 2006

Der Weg

Niemand kann dir die Brücke bauen,
auf der du gerade über den Fluß des Lebens schreiten mußt,
Niemand außer dir allein.

Zwar gibt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter,
die dich durch den Fluß tragen wollen, aber nur um den Preis deiner selbst:
du würdest dich verpfänden und verlieren.

Es gibt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann außer dir:

Wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.

(Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen)

Friday, July 14, 2006

Zum Abschied für Heidi

Tschüs
Es ist soweit,
aus und vorbei,
alles ist gesagt,
wir sind beide auf dem Grund.
Willst du
wirklich gehen?
Ich weiß, ich frage dich nicht mehr,
am besten ist, ich halte meinen Mund.

Doch da ist so ein Scheiß Gefühl,
das sagt, ich halt dich fest,
du sollst bleiben, sagt es mir,
du darfst nicht gehen.
Es zerreißt mich fast,
erinnert mich
an alte Kinderzeit,
da ließen sie mich
auch schon mal so stehn.

Sei lieb zu deiner Seele,
schütze sie, sie ist ein Kind,
tu dir nicht noch selber weh,
das haben andere schon getan,
wir gehen fort und kommen wieder an.

Du bist mir doch nichts schuldig,
hör doch auf,
und wenn du gehst, dann bloß nicht wie ein Mann.
Setz dich doch noch einmal hin,
ich weiß, es tut dir weh,
ich hätte nur gern auch etwas getan.
Erst kommt die Wut,
dann die Trauer
und vielleicht vergeß ich dich,
und der Schmerz geht sicher irgendwann vorbei,
so wie du mich allmählich
aus den Träumen drängen wirst,
um offen für das Leben zu sein.

Tschüs, machs gut,
tschüs, bleib gesund,
tschüs, auch wenn es mich zerreißt,
ich laß dich gehen.
Tschüß, tschüß,
bleib gesund.
Tschüß, tschüß,
schreib mir mal,
was du machst und
was du anhast,
wie es dir geht.
Ich weiß, es ist ein Traum, so zu gehen.


Klaus Hoffmann aus Ciaobella

Thursday, July 13, 2006

An den Mistral

Mistral

- Wind, du Wolken - Jäger, Trübsal - Mörder,
Himmels - Feger, Brausender, wie lieb ich dich!
Sind wir zwei nicht
Eines Schoßes Erstlingsgabe,
Eines Loses Vorbestimmte ewiglich?
Hier auf glatten Felsenwegen
Lauf ich tanzend dir entgegen,
Tanzend, wie du pfeifst und singst:
Der du ohne Schiff und Ruder
Als der Freiheit freister Bruder
Über wilde Meere springst.

Friedrich Nietzsche

Der Weg

Bedenke: Ein Stück des Weges liegt hinter dir,
ein anderes Stück hast du noch vor dir.
Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken,
aber nicht um aufzugeben.

Augustinus Aurelius (354 - 430),
Bischof von Hippo, Philosoph, Kirchenvater und Heiliger

Wurzeln

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft
um uns zu kreisen beginnt,
bis das Licht von Spiel und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können
und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Hilde Domin

Monday, July 10, 2006

Auf der Suche

AUF DER SUCHE NACH DIR

Überall habe ich dich gesucht:
hinter deinem versteckten Lächeln,
zwischen den Briefzeilen,
über den weißen Schäfchenwolken,
unter der warmen Decke.

Da und dort habe ich dich vermutet.
Aber du warst spurlos verschwunden.
Ich suchte dich im Garten meiner Träume,
im Schloß meiner Erinnerungen,
im Boot meiner Hoffnungen.
Vergeblich.

Als ich meine Suche aufgab,
warst du plötzlich wieder da.
Ich hatte
verzeih mir meine Dummheit
ich hatte vergessen,
daß du mir ja bereits
ans Herz gewachsen warst.

Ernst Ferstl, (*1955),
österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker

Fliegen

Fliegen

ich würde gerne fliegen
der Sonne entgegen
hoch hinaus
auf eigenen Wegen
die Sonne wärmt mich

kann den Himmel berühren
ich sehe die Erde
kann Freiheit spüren
fühle die Sehnsucht
nach einer bessren Welt
Wind bläst mir ins Gesicht
der Schleier fällt
ich bin wie ich bin
und bin es doch nicht
weit überm Horizont
ich sehe mein wahres Gesicht
unsagbare Freude
tiefer Schmerz
mein wahres Gesicht
es bricht mir mein Herz
ich bin wieder hier
war niemals fort
bin nur geflogen
an einen anderen Ort

Ein Liebesgedicht

An M.


Der du meine Wege mit mir gehst.
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst –
Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?
Wenn ich tot bin darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!

(Joachim Ringelnatz)

Tuesday, July 04, 2006

Erinnerung

Wenn du an mich denkst,
erinnere dich an die Stunde,
in welcher du mich am liebsten hattest.

Rainer Maria Rilke

Saturday, July 01, 2006

Traurigkeiten

Wäre es uns möglich, weiter zu sehen,
als unser Wissen reicht, und noch ein wenig
über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus,
vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten
mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden.
Denn sie sind die Augenblicke,
da etwas Neues in uns eingetreten ist,
etwas Unbekanntes;
unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit,
alles in uns tritt zurück,
es entsteht eine Stille,
und das Neue, das niemand kennt,
steht mitten darin und schweigt.. . . . . . . . . .

Rainer Maria Rilke
(aus einem Brief an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus)