Mailied
MailiedWie herrlich leuchtetMir die Natur!Wie glänzt die Sonne!Wie lacht die Flur!
Es dringen BlütenAus jedem ZweigUnd tausend StimmenAus dem GesträuchUnd Freud und WonneAus jeder Brust.O Erd, o Sonne!O Glück, o Lust!
O Lieb, o Liebe!So golden schön,Wie MorgenwolkenAuf jenen Höhn!
Du segnest herrlichDas frische Feld,Im BlütendampfeDie volle Welt.
O Mädchen, Mädchen,Wie lieb ich dich!Wie blickt dein Auge!Wie liebst du mich!
So liebt die LercheGesang und Luft,Und MorgenblumenDen Himmelsduft,
Wie ich dich liebeMit warmem Blut,Die du mir JugendUnd Freud und Mut
Zu neuen LiedernUnd Tänzen gibst.Sei ewig glücklich,Wie du mich liebst!Johann Wolfgang von Goethe
Zwei in einem Boot
Rudern zwei in einem Boot...“
Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der sterne,der andrekundig der stürme,wird der eineführn durch die sterne,wird der andreführn durch die stürme,und am ende ganz am endewird das meer in der erinnerungblau seinReiner Kunze. RUDERN ZWEI. Aus: ders., Frühe Gedichte
Nachtgedanken
Stunden im Tau
Stunden im Tauumrunden die NachtStarre spricht Tagauf eisigem LichtDa bin ich ein Astaus den dürren Gebildenmeiner zeitnahen Lageder über den Jahrenim Warten zerbrichtDas Halten der Wärmeberuht auf den Dingendie Älteres tragfähig binden in mirIch wahre ein Schweigenim Wachsen zu dir hinertaste die wärmeren Tage.
Noch bist du da
Noch bist du daWirf deine Angst in die Luft Bald ist deine Zeit um bald wächst der Himmel unter dem Gras fallen deine Träume ins Nirgends Noch duftet die Nelke singt die Drossel noch darfst du lieben Worte verschenken noch bist du da Sei was du bist Gib was du hast Rose Ausländer
Wo steht unser Mandelbaum
Ich liege in deinen Armen, Liebster, wie der Mandelkern in der Mandel. Sag mir: wo steht unser Mandelbaum? Ich liege in deinen Armen wie in einem Schiff, ohne Route noch Hafen, aber mit Delphinen am Bug. Unter unserem Rücken ein Band von Betten unsere Betten in den vielen Ländern, im Nirgendwo der Nacht, wenn rings ein fremdes Zimmer versinkt. Wohin wir kamen - wohin wir kommen, Liebster, alles ist anders, alles ist gleich. Überall wird das Heu auf andere Weise geschichtet zum Trocknen unter der gleichen Sonne. [Hilde Domin]
Die Kunst des Vergessens
Die Kunst des Vergessens Vergiß die guten und die schlechten Träume der letzten Nacht. Vergiß den letzten Tag, wie schön oder mißlungen er auch war. Vergiß die letzte Woche, den letzten Monat, das letzte Jahr - es ist alles vorbei! Und fang den neuen Morgen an wie ein Kind, für das nur zählt, was hier und jetzt geschieht. Mach dein Bewußtsein nicht zu einem Museum von Erinnerungen; laß es sein wie eine Tafel - und benutze oft den Schwamm. Übe dich in der Kunst des Vergessens - doch vergiß eins nicht: dein Leben lebt nur gegenwärtig. (Hans Kruppa)
Alles fügt sich
Alles fügt sich und erfüllt sich, musst es nur erwarten könnenund dem Werden deines Glückes Jahr und Felder reichlich gönnen.Bis du eines Tages jenen reifen Duft der Körner spürestund dich aufmachst und die Ernte in die tiefen Speicher führest.Christian Morgenstern (1871 - 1914)
Im Regen geschrieben
Wer wie die Biene wäre,die die Sonneauch durch den Wolkenhimmel fühlt,die den Weg zur Blüte findet,und nie die Richtung verliert,dem lägen die Felder in ewigem Glanz,wie kurz er auch lebte,er würde seltenweinen. Hilde Domin
Der Frühling blüht mein Herz gesund..
Frühling1.Die Ammer flötet tief im Grund,der Frühling blüht mein Herz gesund.Über die Augen halt ich die Hand,schimmernd liegt vor mir das Land.Schimmernd wie ein goldener Rauch,über allen Dingen ruht ein Hauch.So still, so sonnig hängt die Luft,über die ganze Welt weht Veilchenduft.Über die ganze Welt, ungesehnleise, leise Sonntagsglocken gehn.Die Ammer flötet tief im Grund,der Frühling blüht mein Herz gesund.2.Auf der grünen Hallelujawiesegeht es jetzt zu wie im Paradiese.Da blitzt der Himmel wie blaue Seidemit Lämmerwölkchen weiß wie Kreide.Und aus den Blumen, pardauz in die Wurzeln,hunderttausend kleine Engelchen purzeln.Die Welt ist groß, was ist dabei,Habermus und Kindergeschrei.Schnell die Patschhand, schlingt den Tanz,Ringelringelrosenkranz!3.Und mitten, mitten in all dem Lenze,da steht meine Liebste und flicht sich Kränze!Mit blauen Schuhen und roten Hacken,ein Ding wie aus Marzipan gebacken!Ihr schlägt das Herz, wo bleibt der Hans?Blumen, Blumen in seinen Kranz!Blumen, Blumen soviel es gibt,für ihn, für ihn, der mich liebt, der mich liebt!Grillengezirp, Lerchengesinge,sich übertaumelnde Schmetterlinge!
Arno Holz
Frühling
Ich zeige dir den Mond durch einen Frühlingsbaum. Jede Blüte, jedes Blättchen hebt sich aus seinem Glanz. Jede Blüte, jedes Blättchen schimmert. Beide Arme schlingst du mir um den Hals!Arno Holz
Gelassen....
Um Mitternacht Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand, Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn; Und kecker rauschen die Quellen hervor, Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage. Das uralt alte Schlummerlied, Sie achtets nicht, sie ist es müd; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom Heute gewesenen Tage. von Eduard Mörike