Sunday, April 30, 2006

Mailied

Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Johann Wolfgang von Goethe

Saturday, April 29, 2006

Zwei in einem Boot

Rudern zwei in einem Boot...“

Rudern zwei ein Boot,

der eine kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein


Reiner Kunze.
RUDERN ZWEI. Aus: ders., Frühe Gedichte

Saturday, April 22, 2006

Nachtgedanken

Stunden im Tau

Stunden im Tau

umrunden die Nacht
Starre spricht Tag
auf eisigem Licht
Da bin ich ein Ast
aus den dürren Gebilden
meiner zeitnahen Lage
der über den Jahren
im Warten zerbricht
Das Halten der Wärme
beruht auf den Dingen
die Älteres tragfähig
binden in mir
Ich wahre ein Schweigen
im Wachsen zu dir hin
ertaste die wärmeren Tage.

Noch bist du da

Noch bist du da

Wirf deine Angst in die Luft
Bald ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel
unter dem Gras fallen
deine Träume ins Nirgends

Noch duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken

noch bist du da
Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

Friday, April 14, 2006

Wo steht unser Mandelbaum



Ich liege in deinen Armen,
Liebster, wie der Mandelkern
in der Mandel.
Sag mir:
wo steht unser Mandelbaum?

Ich liege in deinen Armen
wie in einem Schiff,
ohne Route noch Hafen,
aber mit Delphinen am Bug.
Unter unserem Rücken
ein Band von Betten
unsere Betten
in den vielen Ländern,
im Nirgendwo der Nacht,
wenn rings
ein fremdes Zimmer versinkt.

Wohin wir kamen -
wohin wir kommen,
Liebster, alles ist anders,
alles ist gleich.
Überall wird das Heu
auf andere Weise
geschichtet zum Trocknen
unter der gleichen Sonne.

[Hilde Domin]

Sunday, April 09, 2006

Die Kunst des Vergessens

Die Kunst des Vergessens

Vergiß die guten und die schlechten
Träume der letzten Nacht.
Vergiß den letzten Tag,
wie schön oder mißlungen er auch war.
Vergiß die letzte Woche, den letzten Monat,
das letzte Jahr - es ist alles vorbei!

Und fang den neuen Morgen an
wie ein Kind, für das nur zählt,
was hier und jetzt geschieht.
Mach dein Bewußtsein nicht zu einem
Museum von Erinnerungen;
laß es sein wie eine Tafel -
und benutze oft den Schwamm.

Übe dich in der Kunst des Vergessens -
doch vergiß eins nicht:
dein Leben lebt nur gegenwärtig.

(Hans Kruppa)

Friday, April 07, 2006

Alles fügt sich

Alles fügt sich und erfüllt sich,
musst es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr und Felder reichlich gönnen.

Bis du eines Tages
jenen reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst
und die Ernte in die tiefen Speicher führest.

Christian Morgenstern (1871 - 1914)

Im Regen geschrieben

Wer wie die Biene wäre,
die die Sonne
auch durch den Wolkenhimmel fühlt,
die den Weg zur Blüte findet,
und nie die Richtung verliert,
dem lägen die Felder in ewigem Glanz,
wie kurz er auch lebte,
er würde selten
weinen.

Hilde Domin

Der Frühling blüht mein Herz gesund..

Frühling

1.

Die Ammer flötet tief im Grund,
der Frühling blüht mein Herz gesund.

Über die Augen halt ich die Hand,
schimmernd liegt vor mir das Land.

Schimmernd wie ein goldener Rauch,
über allen Dingen ruht ein Hauch.

So still, so sonnig hängt die Luft,
über die ganze Welt weht Veilchenduft.

Über die ganze Welt, ungesehn
leise, leise Sonntagsglocken gehn.

Die Ammer flötet tief im Grund,
der Frühling blüht mein Herz gesund.

2.

Auf der grünen Hallelujawiese
geht es jetzt zu wie im Paradiese.

Da blitzt der Himmel wie blaue Seide
mit Lämmerwölkchen weiß wie Kreide.

Und aus den Blumen, pardauz in die Wurzeln,
hunderttausend kleine Engelchen purzeln.

Die Welt ist groß, was ist dabei,
Habermus und Kindergeschrei.

Schnell die Patschhand, schlingt den Tanz,
Ringelringelrosenkranz!

3.

Und mitten, mitten in all dem Lenze,
da steht meine Liebste und flicht sich Kränze!

Mit blauen Schuhen und roten Hacken,
ein Ding wie aus Marzipan gebacken!

Ihr schlägt das Herz, wo bleibt der Hans?
Blumen, Blumen in seinen Kranz!

Blumen, Blumen soviel es gibt,
für ihn, für ihn, der mich liebt, der mich liebt!

Grillengezirp, Lerchengesinge,
sich übertaumelnde Schmetterlinge!

Arno Holz

Frühling

Ich zeige dir den Mond
durch einen Frühlingsbaum.
Jede Blüte, jedes Blättchen

hebt sich aus seinem Glanz.
Jede Blüte, jedes Blättchen
schimmert.

Beide Arme
schlingst du mir um den Hals!

Arno Holz

Gelassen....

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,

Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtets nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,

Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom Heute gewesenen Tage.

von Eduard Mörike